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5. Die phonetiſche Schulung im franzöſiſchen Anſangsunterricht. Von Dr. Sigmund Feiſt.
Es iſt begreiflich, daß im erſten Anſturm gegen die alte grammatiſirende Methode, die vom alt⸗ ſprachlichen Unterricht auf den neuſprachlichen übernommen worden war, und bei welcher die Ausſprache und das Sprechen des fremden Idioms als ſehr nebenſächlich angeſehen wurden, manche der Neuerer über das Ziel hinausſchoſſen und es als Aufgabe der Schule hinſtellten, den Schülern zur Einführung in den fremdſprachlichen Unterricht eine ausführliche theoretiſche Belehrung, ein vollſtändiges, wenn auch kleines Syſtem der Phonetik mit auf den Weg zu geben. Das wird heute, nachdem der Kampfeseifer auf beiden Seiten gekühlt iſt und im Streit die Meinungen ſich geklärt haben, wohl kein Einſichtiger mehr verlangen. Eine theoretiſche Unterweiſung auch ſelbſt in den Grundbegriffen der Phonetik wird nur inſofern zu⸗ läſſig ſein, als ſie zur praktiſchen Erlernung der fremden Sprachlaute nötig erſcheint. Es hängt nun von verſchiedenen Umſtänden ab, wieviel und was man in dieſer Beziehung darzubieten hat. In Betracht kommt die Mundart der betreffenden Gegend: Süddeutſche, Mitteldeutſche und Norddeutſche ſind verſchieden zu behandeln; ferner die Herkunft der Schüler: Ob ſich aus der Stadt oder vom Lande der Hauptbeſtand zuſammenſetzt; nicht zum mindeſten endlich die allgemeine Bildungsſtufe und das Alter der Schüler. Einem Süddeutſchen wie auch einem Mitteldeutſchen ſind tönende Laute etwas Unbekanntes: dieſen alſo muß prak⸗ tiſch und zur Sicherung des Erfolges auch theoretiſch(d. h. durch die Mitteilung, daß das Tönen in Schwingungen der Stimmbänder im Kehltopfe beſtehe, und daß man dieſe wahrnehmen könne, indem man die Finger an die betreffende Stelle des Halſes oder die Hände auf die Schädeldecke legt) die Beſchaffen⸗ heit der tönenden Laute durch Vorſprechen, Nachſprechen und Erläuterung klar gemacht werden. Ebenſo ſind die Schwierigkeiten, die die Naſalvokale dem Norddeutſchen bereiten, zu heben; man mag ihm zur theo⸗ retiſchen Belehrung wohl mitteilen, daß bei den Naſalvokalen der Expirationsſtrom durch Mund und Naſe zugleich geht, und daß bei richtiger Ausſprache eine Flaumfeder, die man unter die Naſe hält, in Bewegung geraten muß. Bei einem Süddeutſchen genügt es, auf eine ſchärfere Artikulation der in ſeiner Mundart vorhandenen naſalierten Vokale aufmerkſam zu machen. Eine Eigenthümlichkeit vieler Landbewoh⸗ ner gegenüber den Städtern iſt u. A. die linguale Artikulation des x(Zungen r), die doppellautige Aus⸗ ſprache geſchloſſener Vokale(Rous⸗Roſe, gein⸗gehen). Selbſtverſtändlich muß dieſe Eigentümlichkeit bei der Ausſprache franzöſiſcher Laute unterdrückt werden, während ſie bei dem engliſchen Unterricht gut zu verwerten iſt. Was nun zuletzt das Alter und die Bildungsſtufe der Schüler angeht, ſo wird man einem Gymnaſialquartaner von 11—12 Jahren natürlich mehr theoretiſche Belehrung darbieten dürfen, als einem 10 jährigen Schüler der ſechſten Klaſſe einer Real⸗ oder Bürgerſchule.-
Wenn ich mich demnach zu einer ſyſtematiſchen Unterweiſung in der Phonetik nicht verſtehen kann, ſo weit die unmittelbaren Ziele der Schule in Betracht kommen, ſo bin ich ebenſowenig für transſkribierte Terte eingenommen, die der Erlernung der Sprachlaute für ſich und im Satzzuſammenhang Vorſchub leiſten ſollen. Ein ſolches Büchlein mag für den Lehrer ganz förderlich ſein, und für dieſen iſt z. B. Paul Pas- sy’s Le Français parlé, Morcéaux choisis à l'usage des étrangers avec la prononciation figurée, recht zu empfehlen. In den Köpfen der Schüler aber wird dadurch uur Verwirrung angerichtet. Laut⸗ bild und Schriftbild gehen bekanntlich eine ſo enge pſychiſche Aſſoziation ein, daß letzteres, obwohl ſekun⸗ där, dennoch das erſtere erheblich zu beeinfluſſen vermag. Man denke nur z. B. an die bühnendeutſche Ausſprache des e, in der die in allen Mundarten ganz ſcharf geſchiedenen offenen und geſchloſſenen e voll⸗ ſtändig zuſam nengefallen ſind, blos mit Rückſicht auf die einheitliche Schreibung. Lehrt man daher im Anfang an Terten, die in irgend einer Lautſchrift— und es gibt deren bereits genug für Schulzwecke— abgefaßt ſind, ſo wird man bei dem alsbald notwendigen Übergang zur gewöhnlichen Orthographie die Schüler verwirren und ſich ſelbſt doppelte, wenn nicht drei⸗ und mehrfache Arbeit ſchaffen..
Um dieſem Übelſtand aus dem Wege zu gehen und dennoch die Erlernung der franzöſiſchen Sprach⸗ laute durch raſch zu apperzipierende Gruppenbildungen zu erleichtern, habe ich zu dem auch ſonſt pädago⸗ giſch vielfach verwertbaren Hilfsmittel der bunten Kreide gegriffen. Verwendbar waren folgende Farben: roſa, ziegelrot, braun, blau, grün, gelb; daneben blieb natürlich auch die gewöhnliche weiße Schulkreide in Anwendung.
Ich beginne mit den tönenden Reibelauten: s⸗ 2, j⸗g vor e, i(y), deren Erlernung die gering⸗ ſten Schwierigkeiten bietet, und die leicht von den entſprechenden tonloſen Lauten. ss⸗⸗c vor e undi, ch unterſchieden werden. Erſtere werden z. B. mit gelber, letztere mit ziegelroter Kreide geſchrieben: der Reſt.


