Aufsatz 
Muster zur analytischen Methode der Schulalgebra / von Theodor Walter
Entstehung
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Grundriß muß unbedingtes Eigentum geworden ſein, ehe man daran denken darf, weiter zu gehen und die Tafel aufzuſtellen. Die Aufſtellung der Tafel iſt ein großer Augenblick im Geiſtesleben des Kindes. Das ſeitherige natürliche Nebeneinander iſt bildliches Übereinander geworden, die horizontale Be⸗ trachtung hat ſich in eine vertikale verwandelt; es iſt ein Bild, wie es die tägliche Erfahrung dem Kinde noch nicht gezeigt hat, weshalb das Verſtändnis beſonders ſorgfältig und allmählich vermittelt werden muß. Man darf die Mühe nicht ſcheuen, immer und immer wieder vom horizontalen Zeichnen zum vertikalen überzugehen. Jede Erweiterung des Kartenbildes wird vorerſt auf der horizontalen Tafel vorgenommen, dann in vertikaler Lage zum Verſtändnis gebracht. Damit ſind die zwei wichtigſten Elemente für das Verſtändnis der Karte gewonnen. An den Grundriß des Schulgebäudes, der in ſtetig kleiner werdendem⸗ Maßſtabe gezeichnet wird, ſchließen ſich die Straßen und Plätze d. h. in großen Zügen der Plan der Stadt. Es iſt dabei nicht nötig, jedes Haus, jeden Winkel beſtimmen und benennen zu laſſen, wie ſo vielfach noch geglaubt wird, da es gar zu trivial iſt und keinen praktiſchen Wert hat. Der wahrhafte Wert der Skizze beruht in der Ermöglichung einer Geſamtauffaſſung und Geſamtvorſtellung des Stadtbildes, ſtatt deren bisher nur eine Menge von Einzeleindrücken vorhanden war. An dieſen Stadtplan ſchließt ſich das karto⸗ graphiſch Wichtigſte, die Darſtellung der nächſten Umgebung. Flüſſe, Bäche, Straßen, Berge, Hügel, Eiſen⸗ bahnen uſw. werden gezeichnet, wobei das Übertragungsvermögen, die Phantaſie, reichlich in Thätigkeit kommt; denn es kommt hier darauf an, daß das Kind beim Anblick des Zeichens ſich den damit aufge⸗ tragenen konkreten Gegenſtand reſp. Vorſtellung desſelben ins Bewußtſein ruft und ſich auf dieſe Weiſe daran gewöhnt, beim Anblick der Karte vor ſeinem geiſtigen Auge eine weite Fläche mit Flüſſen, Straßen, Brücken, Feldern, Wieſen, Wäldern, Bergen, Hügeln und Thälern zu ſehen. Dieſes Kärtchen der Um⸗ gebung muß zu unbedingter Klarheit gebracht werden, da nur dieſe eine Gelegenheit gegeben iſt, die Karte

auf Grund der Anſchauung kennen zu lernen und mit der Wirklichkeit zu vergleichen.

Bei dieſem Vorgehen erſcheint die Kreideſkizze auf der Wandtafel als höchſt dürftiges, jedoch un entbehrliches Hilfsmittel. Ich habe dieſe Skizze anziehender zu geſtalten geſucht, durch Anwendung bunter Kreide und habe gefunden, daß die Orientierung auf dem Kärtchen dem Kinde dadurch bedeutend erleichtert wurde. Das farbenreiche Bild erfreute das Auge und gewann größeres Intereſſe ab. Der Erfolg des Unterrichts würde größer und ſicherer ſein, wenn eine große, gutgezeichnete Karte der nächſten Umgebung beſchafft werden könnte, um an die Stelle der Kreideſkizze zu treten, ſobald dieſe ihren Zweck erfüllt hat; denn es kann nur vortheilhaft ſein, wenn das Kind auch eine topographiſch richtige und zuverläſſige Karte vor ſich ſieht, die es mit der Natur vergleichen kann. Um eine Vergleichung überhaupt zu ermöglichen, muß man den Schülern vorher auch einen Überblick über die Umgebung verſchafft haben, wozu Spa⸗ ziergänge nach gutgelegenen Punkten unter Leitung des Lehrers notwendig ſind.

Im Unterrichte werden alle neu gefundenen Punkte von den Schülern in ihre Kartenſkizzen auf der Tafel und ins Heft eingezeichnet, wodurch ſie recht ſchnell eine nicht unbedeutende Fertigkeit im raſchen Darſtellen erlangen, und da, wie Kirchhoff meint,ohne Kartenzeichnen die topographiſche Geographie ein unnützer, gar bald über Bord geworfener Gedächtnisballaſt iſt, ſo glaube ich, daß dieſes Zeichnen, wenn konſequent durchgeführt, der ſpäteren allgemeinen Geographie nur nutzbringend vorarbeiten kann.

Bingen, Druck von A. J. Pennrich.