Aufsatz 
Muster zur analytischen Methode der Schulalgebra / von Theodor Walter
Entstehung
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genſtände vor Augen führen, man muß ſie hinaus bringen in die Umgebung und ſie ſehen lehren. So zeige ich den Kleinen beim Spaziergange einen Berg und ſage ihnen, das iſt ein Berg. Sie betrachten ihn, ſie wiſſen jetzt, was ein Berg iſt, beſſer, als wenn ſtundenlange Auseinanderſetzungen vorgenommen worden wären. Auf dieſe einfachſte Weiſe bringe ich ihnen viele Grundbegriffe zur Klarheit, wie: Hügel, Nain, Thal, Fluß, Nebenfluß, Bach, Brücke, Steg, Gipfel, Abhang, Fuß, Bergrücken, Gebirge, Landſtraße, Feldweg, Hohlweg, Pfad, alles durch unmittelbare Anſchauung, ohne langes Sprechen. Nur Vergleich⸗ ungen einfachſter Art knüpfe ich daran zur Feſtſtellung mancher beſonderen Eigenſchaft. Da es nicht mög⸗ lich iſt, alle Gegenſtände, deren Behandlung im heimatkundlichen Unterrichte angezeigt iſt, den Kindern ſelbſt vor Augen zu führen, ſo kann man auch Gelegenheit nehmen, dieſelbe ohne Hilfe des Lehrers außerhalb des Unterrichts betrachten und beobachten zu laſſen; man muß dann nur ſtets für die rechte Anregung ſorgen. Wenn die Kinder ſehen, daß man ſich darnach erkundigt, wird es ihnen große Freude machen, ſelbſt zu ſehen, und man hat einen weiteren Schritt gethan zur Förderung der ſo eifrig erſtrebten Selbſtändigkeit und des Intereſſes. Die Entwickelung der Begriffe ergibt ſich zwanglos aus dem Unter⸗ richte, ſie werden nicht mit Gewalt herangezogen. Ich habe bei der Anführung des erſten Zieles des

Heimatkundeunterrichts ausdrücklich hervorgehoben, daß die Feſtſtellung der grundlegenden Begriffe ohne

Definition vor ſich gehen ſoll, was bei den Kleinen ſoviel heißen will als es ſoll kein weitläufiges Erklä⸗ ren, kein zuſammenfaſſendes Aufzählen von Merkmalen ſtattfinden, da ſie gewöhnlich nur Verwirrung an⸗ richten. Wenige einfache Fragen machen die Kleinen auf das aufmerkſam, was weſentlich iſt. Die Gelegenheit giebt ſich faſt immer, die Natur vorzuführen, ehe man den Begriff im Unterrichte gebrauchen muß. Da dieſes anſchauliche Vorführen der Objekte aber immer nur ein gelegentliches ſein konnte, ſo ſtellte ich mir eine Liſte derartiger Begriffe feſt, die ich bei Klaſſenſpaziergängen ſtets mitführte. Die Liſte zeigte mir faſt ſtets Begriffe, wofür ſich gute Anſchauungsobjekte fanden, und mein Unterricht hat dadurch eine weſentliche Förderung erfahren. Hat das Kind auf dieſem Wege eine geographiſche An⸗ ſchauung gewonnen, ſo muß dieſelbe als vorerſt fertig und einheitlich angeſehen, und damit keine Verwirr⸗ ung entſteht, der genaue Ausbau einer ſpäteren Zeit vorbehalten werden. Das weſentliche iſt jedoch damit erreicht: es ſind grundlegende Vorſtellungen angeeignet worden. Eine derartige geographiſche Vorſtellung, die durch unmittelbare Anſchauungen erworben worden iſt, tritt nie losgetrennt von allem Umgebenden in das Bewußtſein, ſondern ſtets mit allen Verhältniſſen und Beziehungen, die ſich bei der Aneignung da⸗ ran knüpften. Schwebt doch ſelbſt dem größeren Schüler, ja dem Erwachſenen bei der Anführung eines Begriffes oft noch der Gegenſtand vor, an welchem ihm vor Jahren als Kind der betreffende Begriff klar gemacht wurde. Ich leite daraus ab, daß die Auswahl der Anſchauungsobjekte eine vorſichtige, überlegte, die Erklärung eine einfache, weſentliche Merkmale berührende ſein muß. Solche Vorſtellungen und Be⸗ griffe können dann als Grundlage des geſamten geographiſchen Unterrichts betrachtet werden, da ſie unbe⸗ dingt ſicher und klar ſind und deshalb zur Übertragung auf andere Orte und Verhältniſſe und zur Kom⸗ bination anderer geographiſcher Bilder unbedenklich verwandt werden können.

Wenn ich als zweites Hauptziel des heimatkundlichen Unterrichts das Verſtändnis der Karte be⸗ zeichnet habe, ſo iſt das natürlich nur im Rahmen deſſen zu verſtehen, was ein neun⸗ oder zehnjähriges Kind davon überhaupt verſtehen kann. Zunächſt muß man den Schülern alſo zeigen, was die Karte eigent⸗ lich iſt, und das geſchieht am beſten, wenn man ſie vor ihren Augen entſtehen läßt, wenn ſie dieſelbe ent⸗ werfen. Nach Feſtſtellung der Himmelsgegenden und der diesbezüglichen Lage des Schulzimmers beginne ich das Kartenzeichnen mit dem Schulzimmer.

Bei der Betrachtung nebeneinanderliegender Gegenſtände beſchauen wir dieſelbe von der Seite, und da dem Kinde nur dieſe Anſchauungsweiſe bekannt iſt, ſo kann auch vorerſt nur ein Nebeneinander⸗ zeichnen in Anwendung kommen. Zu dieſem Zwecke legt man die Wandtafel horizontal, mit ihren vier Seiten den vier Wänden des Zimmers entſprechend. Jede Wand wird durch eine gerade Linie dargeſtellt und ſo entſteht ein Viereck, das dem Zimmerboden entſpricht. Die Kleinen ſehen nun ſofort, wohinaus es ſoll. Sie deuten ſelbſtändig die Fenſterniſchen, die Thür, den Ofen, den Katheder, die Bänke und die Gänge zwiſchen denſelben an. Der Grundriß des Zimmers, die Karte, iſt fertig ohne viele Mühe, und es fällt den Kindern nach einigen Verſuchen nicht mehr ſchwer, den Riß ſelbſtändig zu entwerfen, auch von andern Zimmern. So entwerfe ich mit den Schülern auf der horizontalen Tafel den Grundriß des Schul⸗

hofes, des ganzen Schulgebäudes, ſtets mit genauer Beſtimmung der Himmelsgegenden. Unbewußt kon⸗

ſtruiren ſie die verjüngte Horizontalprojektion und lernen ihre Linien deuten. Daß die Phantaſie der Klei⸗ nen dabei reichlich in Anſpruch genommen wird, bedarf jedenfalls keines weiteren Nachweiſes. Dieſer