Aufsatz 
Muster zur analytischen Methode der Schulalgebra / von Theodor Walter
Entstehung
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in der Mitte, nach der 6. Silbe, eine ſtehende Cäſur. Durch dieſelbe wird der Vers in 2 Halbverſe ge⸗ teilt, welche Hémistiches(haemi, halb; stichos, Vers) genannt werden. Die ſtehende Cäſur des zehn⸗ ſilbigen Verſes fällt hinter die 4. Silbe; ſie teilt den Vers in zwei ungleiche Teile. Dadurch wird er lebhafter und angenehmer als der monotone Alexandriner.

Alexandriner: Trois jours, leur dit Colomb,et je vous donne un monde.(Delavigne) Zehnſilbiger Vers: Salut, parents que mon amour bénit!(Béranger, Souv. d'Enf.)

In wie weit die Cäſur für den Sprechenden die Veranlaſſung ſein kann, an jener Stelle wirklich eine Ruhepauſe eintreten zu laſſen, erörtert Sonnenburg in ſeiner AbhandlungWie ſind die franzöſiſchen Verſe zu leſen? in trefflicher Weiſe:Es würde ein großer Fehler ſein, wenn man die Cäſur beſonders markieren wollte, außer wenn der Sinn, ganz abgeſehen von der Cäſur, eine Pauſe notwendig macht.

Eine Trennung grammatiſch eng verbundener Wörter darf durch die Cäſur nicht eintreten. Da⸗ her dürfen beſonders jene Wörter nicht unmittelbar vor der Cäſur ſtehen, welche ſich ihrem Tone nach an das folgende Wort anlehnen: Der Aritikel, poſſeſſive und demonſtrative Adjektive, die unbetonten Pro⸗ nomina, einſilbige Präpoſitionen. Es ſteht in dem Ermeſſen des Dichters, ſogenannte Nebencäſuren ein⸗ treten zu laſſen, welche dem franzöſiſchen Verſe Schönheit verleihen und ihn von der durch die regelmäßig an derſelben Stelle wiederkehrende Cäſur bedingten Eintönigkeit befreien.

III. Enjambement. Mit dem Versſchluſſe ſoll zugleich auch der Sinn des Satzes enden. Wird ein Satz in den folgenden Vers hinübergezogen, ſo daß mit der Reimſilbe nicht auch gleichzeitig eine Pauſe in der Rede eintritt, ſo entſteht das ſogenannte Enjambement(von enjamber über etwas wegſetzen: enjamber deux marches à la fois; enjamber une classe; un vers enjambe sur un autre. Tobler, V. Fr. V.) z. B.: Un arbre y croit dont souvent une branche Nous sert d'appui pour marcher jusqu'au soir. Jei ma voix, méelée aux chants des féêtes, De la patrie a bégayé le nom.. (Béranger, Souvenirs d'Enfance) Salut, derniers beaux jours! Le deuil de la nature Convient à la douleur, et plait à mes regards. (A. de Laraartine, L'Automne.)

Die neueren Dichter machen einen viel häufigeren Gebrauch von dem Enjambement als jene des 17. und 18. Jahrhunderts, welche nur dann einen Vers in den folgenden übergreifen ließen, wenn der Reſt des Satzes auch dieſen Vers vollendete. Wie durch die ſogenannten Nebencäſuren der Vers an Mannigfaltigkeit des Rhythmus und an Leben gewinnt, ſo erfährt er auch durch das Enjambement eine Veränderung, welche den regelmäßigen und oft eintönigen Gang der poetiſchen Rede unterbricht und dem Hörer eine willkommene Abwechſelung bietet. Immerhin ſoll das Enjambement nur eine Ausnahme bilden, da der Reim durch die Anwendung desſelben keinesfalls gewinnt. Man geſtattet daher das Enjambement gewöhnlich nur, wenn:

1. Der Reſt des Satzes, welcher in den folgenden Vers übergreift, auch dieſen ſelbſt vollendet.

2. Wenn es zur Hervorhebung eines in den folgenden Vers geſetzten Satzgliedes dient.

3. Wenn in der komiſchen Poeſie der Eindruck der Proſa erzielt werden ſoll.

VI. NReim. Unter Reim zweier Wörter verſteht man den vollen Gleichklang in allen Lauten ihrer betonten Silbe bei etwaiger Verſchiedenheit des Anlautes derſelben.

Man unterſcheidet:.

a. Männliche Reime(rimes masculines): accru und disparu; canon und nom; bénit und nid. Sie ſind vorhanden, wenn die letzte betonte Silbe reimt.

b. Weibliche Reime(rimes kéminines): espérance enfance; franche branche; aurore encore; défaites fèêtes. Der Reim iſt weiblich, wenn auf die betonte Silbe noch eine