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peratur⸗ und Luftdruckdifferenzen ausgeglichen ſind, der Wind wird immer ſchwächer und erliſcht allmählich. Der Luftzug aus dem Wiſperthale hat ſchon früher ſein Ende erreicht. Das Plateau und der obere und untere Teil des Thales, die nach Oſten gerichtet ſind, werden ſchon von der aufgehenden Sonne erwärmt, und die von den Höhen herabfließenden kalten Ströme erlöſchen daher bald. Schon vor 9 Uhr dürfte die Temperatur auf den Höhen und im Wiſperthale dieſelbe ſein wie im Rheinthal bis Bingen, während ſie weiter oberhalb noch höher iſt.
Aus der angegebenen Erklärung erhellt, daß die Wiſper nur bei klarem, wolkenloſem Wetter auf⸗ treten kann, wenn am Tage die Sonne ihre volle Kraft entfaltet, und wenn bei Nacht die Wärmeaus⸗ ſtrahlung der Hochebene am größten iſt und die erwärmende Kraft der großen Waſſerfläche des Rheines am meiſten zur Geltung kommt. Dieſe Bedingungen ſind vornehmlich bei Oſtwind erfüllt, und in der That iſt die Wisper in dieſem Falle am häufigſten, am ſtärkſten und kälteſten, zugleich aber auch am auf⸗ fallendſten, weil ſie dann, wenigſtens von Bingen aufwärts, dem herrſchenden Winde entgegengeſetzt weht.
Genaue, ſyſtematiſch geleitete Beobachtungen über den Wiſperwind, die vielleicht manche bemer⸗ kenswerte Einzelheit ergeben würden, ſind meines Wiſſens bis jetzt nicht angeſtellt worden.
4. Aus der franzöſiſchen Verslehre. Von Dr. Chriſtian Langstroff.
Die nachſtehenden Zeilen aus der franzöſiſchen Verslehre ſind für meine Schüler beſtimmt. Aus dieſem Grunde befaßt ſich die folgende Darſtellung nur mit dem Notwendigſten aus dieſem Gebiete der franzöſiſchen Sprache.
I. Begriff der Silbe. Eeſtſtellung der Silbenzahl. Jeder durch einen oder mehrere Buchſtaben ausgedrückte Laut, der durch eine einmalige Thätigkeit der Sprachwerkzeuge hervorgebracht wird, bildet eine Silbe. Hinſichtlich der Zahl der Silben, aus welchen ein Wort für den franzöſiſchen Vers be⸗ ſtehen kann, iſt zu bemerken: Das ſogenannte ſtumme e wird im Innern des Verſes als Silbe mitgezählt, im Auslaut des letzten Wortes zählt es nicht. Dazu ſind folgende Ausnahmen zu merken:
1. Stummes e im Inlaut nach einem lauten, unbetonten Vokal gilt nicht als Silbe: j'expi(e)rai, pri(e)rai.
2. Das e der dritten Perſonen der Mehrzahl der Imperfekta und Konditionales auf aient und der Präſensformen aient und soient zählt nicht als Silbe.
3. Das ſtumme e am Ende eines Wortes vor einem Vokal oder vor einem ſtummen h des näch⸗ ſten Wortes zählt im Versinnern nicht als Silbe; es wird elidiert, wie dies auch in der Proſa geſchieht.
II. Einteilung der Verſe. Cäſur. Der franzöſiſche Vers beruht auf dem Princip der betonten und unbetonten Silben; nur durch eine beſtimmte Silbenzahl, durch Reim und Cäſur unterſchei⸗ det er ſich von der Proſa. Nicht die Quantität, Länge oder Kürze der Silben, iſt maßgebend für den Bau des franzöſiſchen Verſes. Daher vermeidet man beſſer, von jambiſchen, trochäiſchen, daktyliſchen Verſen zu reden; denn die Namen Jambus, Trochgeus, Daktylus ꝛc. bedeuten urſprünglich etwas, was nicht im Cha⸗ rakter des franzöſiſchen Verſes liegt. Eine derartige Bezeichnung führt allzu leicht zu falſcher Auffaſſung von Seiten der Schüler und iſt geeignet, beſonders bei dem die alten Sprachen lernenden Schüler, Ver⸗ wirrung und Unklarheit hervorzurufen. Es wäre wünſchenswert, auch in der deutſchen Metrik dieſe dem antiken Versmaße entlehnten Bezeichnungen fallen zu laſſen und Benennungen und Zeichen zu wählen, welche der Natur unſerer Sprache mehr entſprechen.— Jamben, Jambes, haben Gilbert, A. Chénier und Aug. Barbier polemiſche Dichtungen aus Verſen von abwechſelnd zwölf und acht Silben um der inhalt⸗ lichen Verwandtſchaft willen genannt, die ſie mit jambiſchen Gedichten des Archilochos und des Horatius haben. Tobler, Vom frz. Versbau.
Die Verſe werden nach der Anzahl der Silben benannt und eingeteilt. Es gibt 1—16 ſilbige Verſe, wenn auch die letzteren, ſowie die vierzehnſilbigen ſelten ſind. Der zwölfſilbige Vers, auch Ale⸗ randriner genannt nach dem Aleranderliede, deſſen Stoff aus der Zeit Aleranders des Großen genom⸗ men war, ſtammt aus dem 12. Jahrhundert. Jeder Vers muß eine gewiſſe Zahl von Hebungen haben, welche durch die Cäſur beſtimmt werden. Dadurch wird die Zahl der regelmäßigen Hebungen auf min⸗ deſtens 2 feſtgeſetzt: 1. Hebung vor der Cäſur, 2 Hedung auf der Reimſilbe am Versende. Unter Cä⸗ ſur im franzöſiſchen Verſe verſteht man die Stelle oder die Pauſe im Innern des Verſes, welche nach einer beſtimmten Anzahl von Silben hinter einer betonten Silbe eintritt. Der Alerandriner hat gerade


