10
angenehme, häufig aber auch durch ſeine niedere Temperatur eine unangenehme Abkühlung hervorbringt. Letzteres iſt zur Zeit des Sonnenaufgangs, wo er ſeine größte Stärke erreicht, faſt regelmäßig der Fall, und der Rheinreiſende, der früh morgens um 5 Uhr zu Binaen das Dampſſchiff beſteigt, um rheinabwärts zu fahren, verliert, wenn„die Wiſper“ weht, bald die Luſt, die herrlich ſchöne Morgenlandſchaft vom Deck aus zu genießen und flüchtet hinab in die Kajüte, bis die Sonne höher geſtiegen iſt und„der Wiſper kühler Mund“ hinter ihm liegt. Der Wind wird dann auch durch das Auge wahrnehmbar, indem er die aus dem wärmeren Waſſer aufſteigenden Waſſerdämpfe ſofort zu Nebeln verdichtet, die über die Oberfläche des Waſſers hinziehen. Zu verſpüren iſt der Wiſperwind von Lorch abwärts bis faſt nach Bacharach hin und aufwärts bis gen Oeſtrich hin, wobei indeß zu bemerken iſt, daß er abends und die ganze Nacht hin⸗ durch nur bis oberhalb Bingens weht und erſt gegen Morgen hin auch im Rheingau bemerkbar wird. Nur der von Lorch abwärts und aufwärts bis Bingen wehende Wind, der auch häufig erſt während der Nacht entſteht, verdient den Namen„Wiſper“ mit Recht; denn ſeine Entſtehung iſt auf folgende Weiſe zu erklären.
An heißen Sommertagen erwärmt ſich das enge, von ziemlich hohen, ſteil abfallenden Bergen ein⸗ geſchloſſene Rheinthal unterhalb Bingens ſtärker als das umgebende Plateau, und wegen der hohen ſpezi⸗ fiſchen Wärme des Waſſers kühlt es ſich während der Nacht viel langſamer ab als dieſes. Es entſteht da⸗ her zwiſchen dem Thal und den Höhen eine vom Untergang bis zum Wiederaufgang der Sonne ſtets wach⸗ ſende Temperaturdifferenz und infolge deſſen auch eine Luftdruckdifferenz, die ſich auszugleichen ſtrebt. Uber dem wärmeren Waſſer herrſcht ein aufſteigender Luftſtrom, der ſeinen Erſatz aus den kühleren Regionen fordert. Die kältere Luft muß durch die Seitenthäler, die an ſich ſchon meiſt kühler ſind als das Haupt⸗ thal, in dieſes abfließen, und in der That iſt dieſer Luftſtrom an faſt allen Thalmündungen zu verſpüren. Aber weil dieſe Thäler ſehr eng, kurz und unbedeutend ſind, ſo vermögen dieſe Luftſtröme die Luftmaſſen des breiten Rheinthals nicht in Bewegung zu ſetzen. Anders dagegen iſt es beim Wiſperthale. Es iſt verhältnißmäßig breit, reicht hinauf bis zum Gebirgskamm des Taunus, iſt durchweg von ſteilen, zum größten Teil bewaldeten Höhen eingeſchloſſen und hat viele Seitenthäler, die ihm die kalten Winde von den Höhen zuſenden. Da es überdies eine vorwiegend nords-öſtliche Richtung hat, ſo geht in ihm die Sonne abends ſehr zeitig unter und die Abkühlung beginnt früh, während dagegen in dem nach Nordwe⸗ ſten gerichteten Rheinthal die Sonne ſpät untergeht und die Abkühlung ſpät beginnt. Durch dieſe Um⸗ ſtände wird zwiſchen dem Rheinthal und dem Wiſperthal eine ſehr beträchtliche Temperaturdifferenz der Luft erzeugt, und die kalte Luft des Wiſperthals fließt dem wärmeren Rheinthal zu. Gegenüber der Thalmündung trifft dieſer Strom auf eine ſteile Felswand, an der er ſich teilt; der kleinere Teil fließt ſtromabwärts und iſt, wie erwähnt, bis oberhalb Bacharachs bemerkbar, wo der Rhein breiter wird und eine Wendung macht. Die größere Maſſe fließt ſtromaufwärts und ſetzt nach und nach die geſamte Luft des Rheinthals bis nach Bingen hin in Bewegung. Infolge der Biegung des Stromes wird hier der kalte Hauch am Ufer und in den anliegenden Stadtteilen mit beſonderer Heftigkeit verſpürt. Aus demſelben Grunde bläſt er auch die Nahe hinauf bis zu der Enge am Scharlachkopf; dahinter breitet ſich das Thal aus, und der Wiſperwind verliert ſich in den bedeutenden Luftmaſſen, auf die er hier trifft. In gleicher Weiſe verſchwindet er zunächſt auch oberhalb Bingens im Rheingau, wo noch ſtundenlang kein ab⸗ kühlender Luftzug zu verſpüren iſt und der majeſtätiſche Strom ſpiegelglatt und eben daliegt.
Wie entſteht nun hier die Wiſper? Es ließe ſich annehmen, daß der eigentliche Wiſperwind nach und nach die in Betracht kommenden Luftmaſſen in Bewegung ſetze, doch dürfte dieſe Erklärung, wenn überhaupt zuläſſig, für die Stärke und Ausdehnung des Windes, wie ſie ſich beſonders in den erſten Morgenſtunden zeigt, nicht ausreichen. Tagegen wird die folgende Überlegung völligen Aufſchluß geben.
Der Rhein oberhalb Bingens hat eine oſt⸗nordöſtliche Richtung und iſt von Bergen nicht eingeengt. Daher wird ſchon die aufgehende Sonne ihre Wirkung auf die Luftſchicht über dieſen Teil des Stromes und des umgebenden Landes ausüben, während das Thal abwärts von Bingen infolge ſeiner Richtung und der einengenden Berge noch lange im Schatten liegt. Dazu kommt, daß hier die Luft während der Nacht durch die Wiſper weit mehr abgekühlt iſt als im Rheingau, wo im Gegenteil der ſehr breite Waſſerſpiegel die Abkühlung verringert. Es entſteht alſo eine genügende Tem⸗ peratur⸗ und Luftdruckdifferenz, und die kühlere Luft fließt nach dem Rheingau ab. Wir ſehen, zum Wiſperthale hat dieſer Wind eigentlich keine Beziehung, doch ſchließt er ſich unmittelbar an den Wiſper⸗ wind an und wird durch ihn verſtärkt.—
Bis gegen 9 Uhr morgens erwärmt ſich auch das Thal unterhalb Bingens ſo weit, daß die Tem⸗


