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kennen zu lernen. Hier im Rheine wächſt Limnanthemum(Villarsia nymphaeoides), und zwar zum Teil in Geſellſchaft der gelben Teichroſe(Nuphar luteum). Dieſe haben eine ſolche Aehnlichkeit miteinander, daß ſie aus einiger Entfernung nicht zu unterſcheiden ſind. Die Stengel und beſonders die großen, rund⸗ lichen Blätter, die mit ihrer glänzenden Oberfläche auf dem Waſſerſpiegel ausgebreitet ſind, zeigen die größte Uebereinſtimmung, und doch ſind beide Pflanzen in Zahl und Anordnung der Blütenteile grundverſchieden, ſo daß denn auch die Teichroſe zu einer ganz anderen Familie, zu der der Nymphacaceen, gerechnet wird.
Iſt bei dieſen Familien das Leben in oder auf dem Waſſer der intereſſante Punkt, ſo iſt es bei anderen das Schmarotzertum. So finden wir bei unſeren Orchideen die merkwürdige Verweſungspflanze Neſtwurz(Neottia nidus avis), die ſich von ihren Verwandten durch das Fehlen des Blattgrüns und die mangel⸗ hafte Entwickelung der Laubblätter unterſcheidet, in dem wunderbaren Blütenbau aber mit ihnen übereinſtimmt.
Vergleichen wir damit die Abteilung der Scrophularineen, ſo finden wir darunter die Gruppe der Sommerwurze, echte Schmarotzer, die mit ihren ſchuppenartigen, des Blattgrüns entbehrenden Blättern lebhaft an die eben erwähnte Neſtwurz erinnern, von der ſie doch im Uebrigen durch alle die Unterſchiede getrennt werden, die zwiſchen Dikotylen und Monokotylen beſtehen.
Reichen Stoff zu Betrachtungen bieten endlich noch die Familien, die Gewächſe enthalten, deren Formausbildung dem Leben auf trockenem, ſteinigem Boden entſpricht. Mauerpfeffer und Hauswurz, dieſe Vertreter der Familie der Fettpflanzen(Crassulaceen), zeigen uns in ihren fleiſchigen Blättern und Stengeln die Mittel, mit denen ſie der Dürre und Trockenheit ihrer Unterlage Trotz bieten, und Aehn⸗ liches finden wir in reichſter Ausbildung bei der wunderlichen Familie der Kaktusgewächſe, von der ja ſo viele Mitglieder bei uns als Zimmerpflanzen gezogen werden, daß man, obgleich ſie Kinder der heißen Zone ſind, doch um Anſchauungsmaterial nicht verlegen iſt. Leider iſt es damit, bis jetzt wenigſtens, nicht ſo günſtig beſtellt bei den Wolfsmilchgewächſen. Deren tropiſche Vertreter ſind bekanntlich, ihren Standorten entſprechend, den Kakteen außerordentlich ähnlich, und da wir nun bei uns wildwachſende Ver⸗ treter dieſer Familie haben, die in ihrem Geſamtausſehen gar nichts Abſonderliches zeigen, ſo iſt dieſe Fa⸗ milie in noch höherem Grade, als die Kaktusgewächſe, geeignet, ein Beiſpiel zu liefern für Betrachtungen über den Unterſchied zwiſchen einer nur äußeren Uebereinſtimmung und innerer Zuſammengehörigkeit.
Noch manches Andere, in dieſes Gebiet Einſchlagende würde ſich durchnehmen laſſen, wenn dem botaniſchen Unterricht mehr Zeit zur Verfügung ſtünde. Leider endigt derſelbe in unſeren Realſchulen ſchon in der dritten Klaſſe. Würde es ſich ermöglichen laſſen, ihn auch noch in den beiden oberen Jahreskurſen oder doch wenigſtens, wie in den vor einigen Jahren neu gegründeten ſtädtiſchen Höheren Bürgerſchulen in Berlin, noch in der zweiten Klaſſe fortzuſetzen, ſo würde ſich dann, in Verbindung mit einem ſolchen, dem jetzigen Stande der Wiſſenſchaft entſprechenden Betriebe der Syſtematik, alles früher Gelernte in höherer Betrachtung zuſammenfaſſen und damit der Bildungswert, der in der heutigen Pflanzen⸗ und Tierkunde ſteckt, zu weſentlich beſſerer Entfaltung bringen laſſen.
3. Der Wisperwind. Von Dr. Karl Kemmer.
Der Schüler denkt konkret. Darum iſt für ihn die Anſchauung, ſelbſt die unvollkommene, beſſer als eine ausführliche Beſchreibung. Dieſe wird erſt fördernd und belebend wirken, wenn das erforderliche Vor⸗ ſtellungsvermögen an entſprechenden Objekten gewonnen iſt. Auch in der phyſikaliſchen Geographie ſind die ohne Anſchauung gewonnenen Begriffe ſehr unſicher, häufig falſch. Glücklicherweiſe bietet jede Gegend Beiſpiele für zahlreiche grundlegende Begriffe, beſonders aber die Umgegend von Bingen. Was der Schü⸗ ler hier im Kleinen ſchaut, kann er an der Hand des lebendigen Vortrags des Lehrers, der durch gute Abbildungen unterſtützt wird, auf größere Verhältniſſe übertragen und ſo einen Begriff gewinnen von dem gewaltigen, ununterbrochenen, geſetzmäßigen Wirken der in Betracht kommenden Naturkräfte.
Solche Beiſpiele ſind: Eroſion, Thalbildung, mechaniſche Kraft des Waſſers, Verlegung des Fluß⸗ bettes, Anſchwemmung, Bildung von Halbinſeln, Thalverriegelung, Entſtehung von Quellen, Erlöſchen von Seen, Mühlen im Geſtein, den Gletſchermühlen vergleichbar, u. ſ. w. Ein lehrreiches Beiſpiel für örtliche Winde iſt der Wiſperwind, den ich darum im Unterricht ſtets etwas eingehender zu betrachten pflege.
Er hat ſeinen Namen vom Wiſperthale, das 2 Stunden unterhalb Bingens, bei Lorch, in das Rheinthal mündet, und weht nach heißen, wolkenloſen Sommertagen von etwa 9 Uhr abends bis zum andern Morgen um ungefähr dieſelbe Stunde. Er iſt ein kalter Wind, der nach dem heißen Tage eine
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