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nach feiner Function fragt, nötigt man nicht nur zu einer mindeſtens ebenſo ſcharfen Beobachtung, als wenn man den Deil nur beſchreiben läßt, ſondern eine ſolche denkende Betrachtung iſt auch eine viel befriedigen⸗ dere und darum auch viel mehr fördernde Thätigkeit, als die leere Beobachtung, rein für ſich betrieben.
Im Vergleich mit einer ſolchen denkenden Betrachtung biologiſcher Verhältniſſe mußte die ſyſte⸗ matiſche Botanik noch unerquicklicher erſcheinen, als früher, und ſie wurde daher immer mehr in den Hin⸗ tergrund gedrängt. Dieſer Richtung haben auch die Lehrbücher vielfach Rechnung getragen: der biologiſche Teil wuchs und der ſyſtematiſche ſchrumpfte zuſammen. So nimmt dieſer letztere z. B. in dem bekannten Lehrbuch von Behrens nur noch einen beſcheidenen Bruchteil des Ganzen ein. Sogar die Beſtimmungs⸗ bücher, die Floren, fangen an, ſich nicht nur auf die ſyſtematiſchen Kennzeichen zu beſchränken, ſondern auch, wie z. B. Kirchner's Flora von Stuttgart, Angaben über biologiſche Eigentümlichkeiten damit zu verknüpfen.
Unterdeſſen hat ſich nun aber in den beiden Fächern der Naturgeſchichte, in der Tier⸗ und in der Pflanzenkunde, beſonders in der letzteren, eine Wendung vollzogen, die der Syſtematik wieder zu ihrem früheren Anſehen zu verhelfen, ſich anſchickt. Indem man nämlich für jeden einzelnen Teil eines Tieres oder einer Pflanze und ebenſo für den ganzen Aufbau derſelben nach einer beſtimmten Beziehung zu den äuße⸗ ren Lebensbedingungen ſuchte, einer Beziehung, die ſich in der Formausbildung der Teile ausſpricht, ſtellte ſich heraus, daß für eine ganze Menge von Geſtalteigentümlichkeiten eine ſolche Beziehung nicht beſteht daß namentlich das, was man die Architektur der Pflanze genannt hat, mit den äußeren Daſeinsverhält⸗ niſſen vielfach gar nichts zu thun hat. Derſelbe innere Aufbau findet ſich bei Gewächſen, die in ihrer ſonſtigen Formausbildung den verſchiedenſten Functionen entſprechen, und umgekehrt findet ſich bei anderen Gewächſen die größte äußere Aehnlichkeit, der Gleichheit der Lebensbedingungen entſprechend, in Verbiud⸗ ung mit der größten Verſchiedenheit in der Zahl und Anordnung der Bauelemente. Die Betonung diefer Thatſache, daß es Geſtalteigentümlichkeiten gibt, die von äußeren Einflüſſen ganz unabhängig ſind, hat nun der Syſtematik einen neuen Antrieb gegeben. Man ſucht dieſe rein morphologiſchen Merkmale von anderen Merkmalen möglichſt ſcharf zu trennen und ſchließt aus der Uebereinſtimmung dieſer Merkmale auf die Zuſammengehörigkeit im Syſtem. Damit ſind denn der ſyſtematiſchen Forſchung neue Pro⸗ bleme gegeben worden; wo aber Probleme ſind, da iſt geiſtiges Leben; und ſo ſcheint es mir, daß es der Syſtematik beſchieden iſt, in einer vervollkommneten Form zu neuer Blüte zu gelangen. Es iſt in der That von höchſtem Intereſſe zu ſehen, wie Organismen, die offenbar innerlich zuſammengehören, von der gleichen Grundlage aus die verſchiedenſten Aufgaben in dem Leben der Natur löſen und wie andere wieder der gleichen Aufgabe in der verſchiedenartigſten Weiſe gerecht werden..
Solche Geſichtspunkte ſind nun, wie ich glaube, vorzüglich geeignet, um die botaniſche Syſtemkunde: auch für Schüler mittlerer Schulen intereſſant und fruchtbar zu machen. Wenn daher in den Anfangs⸗ kurſen durch Einzelbetrachtungen, ſowie ſchließlich durch eine Einführung in das Geheimnis des Pflanzen⸗ beſtimmens ſo weit vorgearbeitet worden iſt, daß man ganze Familien betrachten kann, ſo bevorzuge ich bei der Auswahl der durchzunehmenden Familien ſolche, bei denen die erwähnten Verhältniſſe leicht zu beobach⸗ ten ſind, bei denen dieſes Gegenſpiel von rein morphologiſchen Merkmalen einerſeits und ſolchen, die den äußeren Lebensbedingungen entſprechen, andererſeits, beſonders deutlich hervortritt..
Vor allem iſt hier anzuführen die geſtaltenreiche Familie der Hahnenfußgewächſe. Hier ſind zu vergleichen die eigentlichen Hahnenfußarten wegen ihrer Honigſchüppchen an den Blumenblättern mit der Nießwurz und dem Sturmhut, bei denen die Blumenblätter ausſchließlich Honigbehälter darſtellen, alſo ganz in den Dienſt dieſer Function übergegangen ſind; heranzuziehen iſt ferner der Ritterſporn, bei dem die eigentümliche Ausbildung der Blumenblätter mit einer ſolchen des Kelches ſich verbindet. Dann bietet wieder in anderer Richtung ein beſonderes Intereſſe der mit zweierlei Blättern ausgeſtattete Waſſer⸗ hahnenfuß, der den Uebergang bildet zu den Hahnenfußarten, deren in dünne Fäden aufgelöſte Blätter ganz dem Leben im Waſeer entſprechen.
Wird nun weiter die Familie der Schlüſſelblumengewächſe betrachtet, ſo bietet dieſe in der Waſſerfeder(Hottonia) mit ihren borſtenartig zerteilten Blättern ein ſchönes Gegenſtück zu den zu⸗ letzt genannten Hahnenfußarten.—
Wir wenden uns dann zu der Familie der Enziangewächſe. Wenn dieſe auch in unſerer Flora nur ſchwach vertreten iſt, ſo bietet ſie aber doch, wenigſtens für die hieſige Gegend, die beſte Ge⸗ legenheit, das vielleicht glänzendſte Beiſpiel von Uebereinſtimmung im Aeußeren bei innerer Verſchiedenheit:


