22
dem heutigen Stand unſrer Methodik iſt übrigens, namentlich wenn wir eine größere Stundenzahl vorausſetzen, ein gewiſſer Grad von Turnfertigkeit bei faſt allen Schülern erreichbar. Die Zeit liegt noch nicht ſo lange zurück, daß man ja auch von der Mathematik angenommen hat, ſie eigne ſich nur für wenige, ganz beſonders hervorragende Köpfe. Die Fortſchritte auf dem Gebiete der Methodik haben auch hier dieſen Irrthum beſeitigt. Außerdem darf nicht überſehen werden, daß doch auch die geiſtigen Fähigkeiten bei den Schülern einer Klaſſe zwiſchen hochgradiger Beſchränktheit und vielſeitigem Talent in allen Schattierungen wechſeln; trotzdem werden alle mit einem Gewicht gewogen, mit dem für die Klaſſe beſtimmten Penſum. Geradezu auffallend iſt es, daß von den Militärbehörden auf eine tüchtige turneriſche Ausbildung durch die Schule nicht mehr Gewicht gelegt wird. Jeder Deutſche muß Soldat werden, wenn er die dazu nötige körperliche Fähigkeit beſitzt. Daß dieſe infolge unſrer unnatürlichen Kulturgewohnheiten immer mehr verloren geht, iſt eine feſtſtehende Thatſache. Hier wäre es Aufgabe der höheren Lehranſtalten, die unſere Jugend bis nahe zum militärpflichtigen Alter behalten, dieſe durch ſtärkere Berückſichtigung des Turnens nicht nur körperlich, ſondern durch eine intenſivere Gewöhnung an Gehorſam, Mut, Ausdauer, Entſchloſſenheit und Selbſtbeherrſchung auch ſittlich tauglicher für den allgemeinen Dienſt mit der Waffe zu erziehen. Es iſt wohl nicht blos Zufall, daß im Feldzuge von 1870—71 von Allen, die ihn mitmachten, nur etwas über 3% das eiſerne Kreuz erhielten, während von allen Turnern, die im Felde ſtanden, über 5% mit dieſer Aus⸗ zeichnung bedacht wurden. Weiſen wir dem Turnen dieſe Stellung an, ſo wird der Schule ein weit⸗ gehender Einfluß auf die Erziehung ihrer Zöglinge geſichert ſein. Wir ſind dann in der Lage, dem ganzen Schülerleben einen tieferen, idealeren Inhalt zu geben. Der Sinn, der Gefallen findet an abhärtender, männlicher Leibesübung, iſt ja empfänglicher für alle großen Eindrücke, namentlich aber für die Gefühle der Vaterlandsliebe. Ein Tag ſei deshalb ganz beſonders beſtimmt, um im Rahmen der Begeiſterung für das Vaterland die in leiblicher Gewandtheit und geiſtiger Zucht gewonnene Fertig⸗ keit zum öffentlichen Ausdruck zu bringen! Er iſt als ein Feſttag für die geſamte deutſche Jugend aufzufaſſen, an dem dieſe hinauszieht wie das alte Hellas nach Olympia, um im Laufen und Werfen, im Ringen und Springen um die Palme des Sieges zu kämpfen. Wir tragen dann auch unſrerſeits immer mehr dazu bei, das Wort unſres großen Kaiſers, Wilhelms IJ., der Verwirklichung näher zu führen, mit dem er ſo treffend die tiefe Bedeutung der Turnkunſt kennzeichnete, indem er ſagte:„Ich erblicke in der deutſchen Turnkunſt eine bildende Pflanzſtätte für die Wehrfähigkeit unſrer Nation.“ Die Geſchichte lehrt uns, daß nur wehrfähige Nationen Exiſtenzberechtigung haben; die es nicht mehr ſind, werden weggefegt von der Bühne, auf der ſich die Weltgeſchichte vollzieht.
10. Der Anſchauungsunterricht in der Elementarklaſſe der zweiklaſſigen Vorſchule. Von Georg Nehb.
Daß der überwiegend bedeutendſte Teil aller Sinneswahrnehmungen durch den Geſichtsſinn vermittelt wird, daß die Elemente aller Vorſtellungen und Begriffe in den räumlichen Beziehungen zu ſuchen ſind, dieſe Erkenntnis iſt für die Pädagogen des 17. Jahrhunderts die Veranlaſſung, ge⸗ weſen, die Anſchauung in den Vordergrund des Unterrichts zu ſtellen und ihr große Aufmerkſamkeit zuzuwenden. Die verkehrteſten Anwendungen des neuen Prinzips beſonders bei dem damals neuein⸗ gerichteten elementaren Anſchauungsunterrichte ließen den Wert desſelben jedoch bald zweifelhaft er⸗ ſcheinen; erſt Peſtalozzi verhalf der guten Sache endgültig zum Siege. Aber trotz richtiger theoretiſcher Erkenntnis konnte auch er ſich in der Praxis nicht ganz von dem alten Zopfe losmachen und wandte merkwürdigerweiſe ſeine richtigen Grundſätze zum Teil falſch an; erſt in der neueſten Zeit hat man beſſernd und berichtigend eingegriffen. Sein praktiſcher Anſchauungsunterricht leitete zum Sehen, nicht zum Schauen an.— Der allgem. Sprachgebrauch verſteht unter Schauen das Vertiefen in die Be⸗ trachtung eines Gegenſtandes, das gemütvolle Verweilen bei demſelben, und richtiges Anſchauen muß ſo beſchaffen ſein, daß der Gegenſtand und alle möglichen Beziehungen und ihr Verhältnis untereinander dem Schauenden gegenwärtig ſind. Unmittelbare ſinnliche Thätigkeit und gemütvolle Anteilnahme bilden die Grundlage der Anſchauung. Bei der Betrachtung eines Gegenſtandes dringen auf den Be⸗ ſchauer eine Unſumme von Empfindungen und Vorſtellungen der verſchiedenſten Art ein. In dieſer Maſſe herrſcht weder Klarheit noch Ordnung; ein wahres Bewußtwerden derſelben iſt unmöglich, da


