Aufsatz 
Eine zweckmäßige Darstellung der Rentenrechnung für die Schule / von Theodor Walter
Entstehung
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daß man täglich ſtundenlang körperliche Uebungen mit geiſtiger Arbeit wechſeln muß, wenn ein Kind geſund bleiben ſoll. Und dürfte, um ein Beiſpiel anzuführen, ein Mathematiker wohl imſtande ſein, in wöchentlich 2 Stunden Kraft, Ausdauer, Gewandtheit u. ſ. w. im mathematiſchen Denken zu erzielen? Die Frage wird mitnein beantwortet werden. Was nun dem Geiſte unmöglich iſt, das ſoll er⸗ reichbar für den Körper ſein, obwohl doch in letzter Linie die Aeußerungen beider nach denſelben Grundgeſetzen ſich vollziehen. Nur die fortgeſetzte Uebung hat die allmähliche Erſtarkung und die Fertigkeit zur Folge. Dieſer Grundſatz gilt für die Arbeit des Armes ebenſo wie für die des Gehirns. Vergeſſen wir überdies nicht, daß Mut, Entſchloſſenheit, Ausdauer u. ſ. w. auch Wirkungen des Willens ſind. Keine andere menſchliche Thätigkeit iſt in ſolchem Grade geeignet, die Willenskraft ſtählend zu beeinfluſſen und die Selbſtzucht zu fördern, wie ein regelmäßig betriebenes Turnen, während einſeitige Beſchäftigung mit geiſtigen Dingen auf den Willen lähmend wirkt. Sehr oft ſind gerade geiſtig hoch ſtehende Menſchen trotz beſſerer Einſicht nicht imſtande, eine nachteilige Lebensgewohnheit abzulegen, und der ſogenannt weniger Gebildete iſt häufig thatkräftiger als der ihm anBildung Ueberlegene. Es iſt verkehrt, die in unſrem Turnziel angegebenen Erfolge etwa auch von dem un⸗ gebundenen Umhertummeln unſrer Jugend erwarten zu wollen. Mannigfach ſind die Eindrücke und Begriffe, die durch die Anſchauung und den täglichen Verkehr im Bewußtſein des Knaben erwachen; in der vielſeitigſten Weiſe äußert ſich ſein Thätigkeitstrieb. Soll aber Klarheit in das Chaos kommen, ſoll er zu logiſchem Denken und zielbewußtem Handeln erzogen werden, ſo muß fortgeſetzt die ordnende Hand des Erziehers eingreifen. Auch unſere auf die Erzeugung von Kraft, Ausdauer u. ſ. w. ge⸗ richteten Beſtrebungen müſſen ebenſo häufig wiederkehren wie die Bemühungen um Aneignung von Kenntniſſen aus irgend einem Wiſſensgebiete. Es muß mit anderen Worten täglich geturnt, bezw. geſpielt werden. Die Verwirklichung dieſes Wunſches würde jedenfalls auch im Intereſſe jener Forde⸗ rung liegen, nach der das Turnen die erhöhte geiſtige Anſtrengung ausgleichen ſoll. Auf Grund beſtimmter phyſiologiſcher Vorgänge hat jede vermehrte geiſtige Thätigkeit eine ſtärkere Verbrennung und damit eine raſcher eintretende Ermüdung der Gehirnſubſtanz zur Folge. Die daraus folgende Unfähigkeit im Denken macht ſich bei kleineren Schülern oft ſchon gegen das Ende der erſten Stunde bemerkbar. Erheben von den Sitzen, einige Armbewegungen u. ſ. w. haben eine Entlaſtung des Ge⸗ hirns vompſychiſchen Druck zur Folge. Die Kleinen fühlen ſich jetzt wieder friſch, und willig folgen ſie der geiſtigen Führung des Lehrers. Dieſes Hülfsmittel wird in den unteren Klaſſen häufig und mit Erfolg angewandt; in den oberen findet man es nicht mehr. Einen Ausgleich der hier durch eine 45ſtündige Arbeit entſtehenden Ueberbürdung kann eine Turnſtunde, die 12 Tage ſpäter folgt, nicht herbeiführen. Soll das Turnen den geforderten Erfolg haben, ſo muß es vielmehr in ſteter Abwechſelung mit der geiſtigen Thätigkeit ſtehen. Wenn man einwendet, daß die Durchführung dieſer Forderung die Zeit für die übrigen Lehrgegenſtände zu ſehr verkürze, ſo darf dem entgegengehalten werden, daß dieſer Zeitverluſt jedenfalls nur ein ſcheinbarer iſt und wieder aufgewogen wird durch größere Friſche, erhöhte Aufnahmefähigkeit und ſtärkere Lernluſt. Prof. Nußbaum ſagt in dieſer Beziehung:Es iſt durch und durch eine fehlerhafte Beobachtung, wenn man glaubt, daß ein neun⸗ jähriges Knäbchen in 78 Stunden täglich mehr lernt als in 45 Stunden Ich bin feſt überzeugt, daß das Lernen viel leichter geht, wenn die geiſtige Spannung nicht ſo viele Stunden beträgt, wie jetzt faſt in allen Lehranſtalten. Dem Turnunterricht müßte ferner derſelbe Einfluß wie den übrigen Lehrgegenſtänden bei der Ausſtellung von Zeugniſſen eingeräumt werden. Haben die in unſrem Turnziel angegebenen Charaktereigenſchaften etwa weniger Wert für das Leben als einige Kenntniſſe!? Wir fangen heute, nachdem wir eine Nation geworden ſind, an, die Meere zu befahren und Kolonien zu gründen. Dazu gehören ausdauernde, entſchloſſene Männer. Prof. Euler ſagte in einem Vortrage auf der 10. deutſchen Turnlehrerverſammlung, indem er du Bois-Reymond zitierte:Er bekennt, daß die Engländer ein außerordentlich energiſches, zähes Volk ſind, und es iſt auch allgemein bekannt, daß dieſe gewaltige Ausdauer, Zähigkeit und Kraft zuſammenhängen mit dem nationalen Spiel. Man wird gegen unſere Forderung vielleicht einwenden, daß die Möglichkeit zur Erreichung des Turnziels mehr in der körperlichen Beſchaffenheit liege und dieſe doch eine zu verſchiedene ſei, um ſie zur Grundlage einer vielleicht ausſchlaggebenden Beurteilung machen zu können. Dem iſt entgegenzuhalten, daß ja nicht etwa beſondere Kunſtleiſtungen zenſiert werden ſollen, daß es ſich dabei vielmehr um die geſamte Zucht des ganzen Schülers handelt, die nirgends ſo wie gerade beim Turnen in die Erſcheinung tritt. Bei