Aufsatz 
Eine zweckmäßige Darstellung der Rentenrechnung für die Schule / von Theodor Walter
Entstehung
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ſich feſter einprägt, als es beim ſofortigen Vorſprechen ganzer Wortgruppen oder ſogar eines längeren Satzes möglich wäre. A. Schröer giebt über dieſen Punkt in ſeinerAusſprache des Eng⸗ liſchen wertvolle Andeutungen. Er ſagt unter anderem:Dieſes Wiener Hofburgtheater⸗Deutſch kann man nicht ſprechen wie einem der Schnabel gewachſen iſt, denn ſo iſt er keinem gewachſen! Es muß jeden, der es ſich noch nicht zu eigen gemacht, theoretiſch gelehrt werden: Laut für Laut, Silbe für Silbe ſind zu ſtudieren. Auch hier kann man wieder zugeben, daß vielleicht Kinder und die uns ſoweit überlegenen Frauen rein nachahmend dieſe Ausſprache gewinnen können, doch dies find Ausnahmen von der Regel und nur bei beſonderer Begabung denkbar. Alſo Laut für Laut, Silbe für Silbe ſollen wir unſer gutes Deutſch, ſollen wir Engliſch und Franzöſiſch langſam ausſprechen lernen?! Dies ſieht nun wieder auf den erſten Anblick ärger aus als es iſt.

Nach Einübung der Ausſprache der einzelnen Worte erfolgt eine Zuſammenſtellung derſelben zu Wortgruppen und ſchließlich wird der ganze Satz vorgeſprochen, wenn es der Umfang desſelben geſtattet. Die Einübung unter Berückſichtigung des Satztones verläuft dann ganz in der oben ge⸗ ſchilderten Weiſe. Hierauf werden die Bücher geöffnet. Der Satz wird von mir nochmals vorgeleſen, von beſſeren Schülern wiederholt und ſchließlich von der ganzen Klaſſe in choro nachgeleſen. Rück⸗ ſichten auf die Tonlage der Stimmen der Schüler in dieſer Klaſſe verbieten noch keineswegs das Chorſprechen. Das ſogenannte Mutieren hat in Klaſſe IV noch nicht begonnen.

Ich halte Chorſprechen und Chorleſen, im Anfangsunterricht überhaupt, für Übungen von nicht zu unterſchätzender Bedeutung. Man darf nicht überſehen, daß bei nur 3 Stunden wöchentlich und in Klaſſen mit 40 50 Schülern dem Einzelnen nicht beſonders viel Zeit gewidmet werden kann. Durch das Chorſprechen kommt jeder Schüler zur Ausſprache eines jeden Wortes; denn eines jeden Zunge ſoll möglichſt gleichmäßig und gleich häufig an den fremden Lauten geübt, an das fremde Idiom gewöhnt werden. Durch dieſes Verfahren werden die Uebungen für den Schüler vermehrt, mehr als dies durch ein anderes Vorgehen möglich erſcheint. Außerdem glaube ich dieſen gemein⸗ ſchaftlichen Uebungen noch einen anderen, erziehlichen Wert beilegen zu müſſen: Das richtige Chor⸗ ſprechen erfordert unbedingte Aufmerkſamkeit, es erzwingt dieſelbe. Wer auf das Vorſprechen des Lehrers nicht genau geachtet hat, wird naturgemäß fehlerhaft nachſprechen. Die Unaufmerkſamen werden ſich ſofort ſelbſt anklagen und ſomit ſchneller zurechtgewieſen werden können, als wenn man einen nach dem anderen aufruft und erſt auf dieſem Wege allenfalls die Unaufmerkſamkeit beſtätigen kann. Man wird vielleicht einwenden: ja, wenn nun der Unaufmerkſame, der Zaghafte ſeinen Mund überhaupt nicht aufmacht oder nur die Lippen bewegt, um den Lehrer zu täuſchen? Darauf möchte ich entgegnen, daß man ſeine Pappenheimer recht wohl kennt, und durch eigene, geſteigerte Aufmerk⸗ ſamkeit und Umſicht die Gefahr, daß von ſolchen Schülern gar nicht, ungenau und undeutlich ge⸗ ſprochen wird, oder daß ſchlecht artikulierte Laute dem Ohr des Lehrers entgehen, ſehr wohl beſeitigt oder wenigſtens in erheblichem Maße vermindert werden kann. Ich habe bei derartigen Übungen kaum noch konſtatieren müſſen, daß ein Schüler aus reiner Zaghaftigkeit oder Angſt, einen neuen Laut falſch auszuſprechen, nicht mitgeſprochen habe. Tritt der Fall aber wirklich ein, ſo iſt es Pflicht des Lehrers, den zaghaften, ängſtlichen Schüler in ruhiger Weiſe auf das Thörichte ſeines Verhaltens aufmerkſam zu machen und durch Entgegenkommen Vertrauen und Zuverſicht in dem Schüler zu erwecken.

Was übrigens in dem deutſchen Elementarunterricht von bewährten Schulmännern für eine nützliche und fruchtbringende Übung angeſehen und als ſolche praktiſch verwertet wird, darf mit der⸗ ſelben Berechtigung auf den engliſchen und franzöſiſchen Anfangsunterricht übertragen werden.

Hieran reiht ſich die Ueberſetzung; Wort für Wort wird beſprochen und unter Mitwirkung der Schüler ein korrektes Deutſch ermittelt. Das Überſetzte muß dann immer wieder von einem oder zwei Schülern wiederholt werden. Darnach werden die in dem Vokabelverzeichnis zuſammengeſtellten Worte und Redensarten nochmals geleſen, die neben jedem Worte ſtehende Lautſchrift wird erörtert, ſoweit ſie noch nicht bekannt iſt; ſodann erſt werden die Vokabeln ohne Lautſchrift in die Vokabel⸗ hefte, zunächſt noch in der Schule, eingetragen. Später erſt, nach mehreren Wochen, kann das Ein⸗ tragen der Vokabeln als häusliche Arbeit aufgegeben werden. Die häusliche Arbeit der Schüler be⸗ ſteht ſonach weſentlich in der Wiederholung des in der angedeuteten Weiſe behandelten Penſums. In der nächſten Stunde wird von mir der durchgenommene Text abermals vorgeleſen, von den Schülern nachgeleſen und überſetzt; erſt in der 3. Stunde werden die eingetragenen Vokabeln abgefragt, von

Bingen, Jahresbericht 1890, Nr. 622.. 3