Aufsatz 
Der Anfangsunterricht im Englischen auf lautlicher Grundlage / von Max Walter
Entstehung
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werden mit Freuden zu diesen Schriften greifen, welche die im Ausland gehörten Laute wieder einmal auffrischen und sich über den Lautwert irgend welcher Laute klar werden wollen.

Wenn nun der Lehrer selbst eine genaue Aussprache hat und sich Rechenschaft von der Bildung der fremden Laute ablegen kann, so wird er die Schwierigkeiten, welche seine Schiler bei Erwerbung einer guten Aussprache finden, leicht zu beseitigen wissen. In der Jugend ist die Fähigkeit, fremde Laute nachzuahmen, grösser als im späteren Alter, wo sie sich mehr und mehr verliert. Viele richtig vorgesprochene Wörter werden ohne weiteres nachgeahmt, und wo Schwierigkeiten vorliegen, hilft eine einfache Erklärung der Entstehung des Lautes. Hier würde also die Phonetik in den Unterricht einzugreifen haben, und dass dies geschehen müsse, um den Schülern eine gute Aussprache zu lehren, ist in vielen Schriften betont worden. Be- sonders nachdrücklich aber haben darauf hingewiesen die Beschlüsse der Neuphilologischen Abteilung auf den Allgemeinen Versammlungen Deutscher Philologen und Schulmänner zu Dessau 1884, Giessen 1885 und des Ersten Allgemeinen Deutschen Neuphilologen-Tages zu Hannover 1887.

Wenn nun die Gegner dieser Neuerung einwenden, dass die Wege, auf denen unsere Phonetiker ihre Untersuchungen anstellen, und die Lautsysteme, zu denen sie gelangen, noch zu sehr von einander abweichen*), so liegt in diesen thatsächlich doch nicht so grossen Verschieden- heiten kein Grund gegen die Verwendung der Phonetik für die Schule. Denn hier kann es sich doch immer nur um die wesentlichen Grundlagen handeln, in denen alle Systeme über- einstimmen.

Ebenso hinfällig ist der Einwand, dass durch die Verwendung der Phonctik eine Be- lastung des Gedächtnisses herbeigeführt werde. Im Gegenteil: das Gedächtnis wird entlastet. Was finden wir bis jetzt in der grossen Mehrzahl der Schulbücher? Um die Schrift, von der man ausgeht, zu dem Laut in Beziehung zu bringen, müssen eine Menge Regeln auswendig ge- lernt werden, die bei vielen Büchern den Mittelpunkt des Unterrichts ausmachen und den Schüler durch den ganzen Anfangsunterricht hindurch begleiten. Die Ausspracheregeln weichen, da sie zufüällige sind, in den einzelnen Büchern oft sehr von einander ab und vermögen mit dem Ein- setzen der deutschen Lautbezeichnungen den fremden Lautwert nicht zu bestimmen. Wird gesagt: sprich o in no= Oh, oder u in much= kurzes ö, a in late= eh, ou in house= au in Haus, our= qu-A!) u. s. W., so werden diese deutschen Lautwerte je nach dem verschiedenen Dialekte verschiedene Färbung bekommen, eine gute englische Aussprache aber nicht lehren, sondern verhindern

Sehen wir aber selbst von dem Ubelstand der mangelhaften Lautbezeichnung ab 8 ist die Verteilung der Ausspracheregeln über den ganzen Anfangsunterricht schon darum nutzalos weil die Aufmerksamkeit der Schüler dadurch immer nur auf einzelne Sprachlaute gerichtot wird, während alle andern, die natürlich auch in den Uebungssätzen vorkommen, erst allmählich in den späteren Lektionen berücksichtigt werden können. Wenn also der Lehrer nicht selbst die Laute ordentlich einübte, so würde eine den Anforderungen des Buches entsprechende Aus- sprache erst am Abschluss des Anfangsunterrichts erreicht werden.

Eine nach so langer Arbeit mühevoll errungene Kenntnis von Laut und Schrift ist aber

*) Uebrigens gleichen sich diese Unterschiede in der Anordnung der Vokale mehr und mehr aus. So er- fahre ich durch Professor Vietor, dass Bell in seinem neuesten Buche Essays and Toskscripts on Elocution 1486 sein seit 20 Jahren verfochtenes Viereck 2 aufgegeben und dafür Vietor's und Hellwag's Dreieck 9 angenommen habe. 6 4