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schwer als seine eigne Sprache wiedererkennt. Wir müssen nur immer daran denken, wie lächer- lich uns die schlechte Aussprache des Deutschen im Munde des Ausländers vorkommt, um zu begreifen, welchen Eindruck die schlechte Aussprache des Englischen und Französischen auf Englän- der und Franzosen machen muss. Sie führt ja auch häufig geradezu zu argen Missverständnissen, wie sie uns so oft in Witzblättern, besonders treffend im„Punch“, vorgeführt werden. Die Bedeutung einer guten Aussprache wird noch mehr dadurch erhöht, dass die praktische Verwer- tung der Sprache bei den vielfachen Beziehungen der einzelnen Länder unter einander einen immer grösseren Umfang annimmt. Wenn wir uns nun bemühen, der ersten Anforderung, welche die Erlernung einer frem- den Sprache an uns stellt, nachzukommen, nämlich uns eine gute Aussprache anzueignen, so wird unser Streben, die dabei aufstossenden Schwierigkeiten zu überwinden, durch eine Wissenschaft unterstützt, die von hoher Bedeutung für die Erlernung jeder fremden Sprache geworden ist. Dank der in allen Kulturländern mächtig fortschreitenden Wissenschaft der Phonetik sind wir in der Lage, den Lautbestand der einzelnen Sprachen nebst der Bildung der Sprachlaute genau kennen zu lernen. Damit sind uns aber die Mittel gegeben, die Quelle der Fehler aufzudecken und diese zu beseitigen. Demnach ist die Phonetik von nicht zu unterschätzendem Werte für den Lehrer der neueren Sprachen, gleichviel ob er im Ausland praktische Sprachstudien betrieben hat oder nicht. Der Besuch des Auslandes führt nicht immer zu einer fehlerfreien Aussprache. Selbst bei einem langjährigen Aufenthalte im Auslande gelingt es nicht allen, sich eine reine Aus- sprache anzueignen. Ich habe neben vielen Deutschen, die eine gute englische Aussprache hatten, doch auch viele kennen gelernt, deren sonst noch so fliessend gesprochenes Englisch ein völlig deutsch- dialektisches Gepräge zeigte. Trotzdem sie fortwährend Englisch hörten und sprachen, war ihnen die wahre Natur der fremden Laute durch das Gehör allein nicht erschlossen worden. Sie waren auch gar nicht im Stande, einen Unterschied zwischen ihrer und der guten englischen Aus- sprache herauszufinden und befanden sich zum Teil noch in dem Wahn sehr schön auszusprechen. Verbindet sich nun mit der Aufnahme durchs Gehör eine genaue Kenntnis der Bildungsweise der fremden Laute und der dadurch bedingten Abweichungen von den deutschen Lauten, so muss jeder, der gesunde Sprachwerkzeuge hat, zu einer getreuen Wiedergabe der fremden Laute gelangen können. Es ergiebt sich also hieraus, von wie hohem Wert für den Studierenden und Lehrer der neueren Sprachen ein dem Besuch des Auslandes vorhergehendes Studium der Phonetik sein muss. Aber auch allen, welche in der Heimat fremdsprachliche Studien betreiben, wird das Studium der phonetischen Schriften, von denen hier nur die hervorragenden Werke von Sievers¹) Sweet, ²) Trautmann, ⁵) Vietor,¹) Western) erwähnt seien, grossen Nutzen gewähren. Kommt dann noch zur Kenntnis der Theorie das Studium des gesprochenen Französisch und Englisch, wie es uns z. B. in den in Lautschrift abgefassten Werken von Franke⁶), Passy), Sweets) vorliegt, so ist immerhin ein Ersatz für das Ausland geschaffen. Und auch diejenigen
¹) Sievers: Grundzüge der Phonetik. 3. verbesserte Auflage. Leipzig, Breitkopf& Härtel, 1885. ²) Sweet: Handbook of Phoneties. Oxford, Clarendon Press 1877. 3) Trautmann: Die Sprachlaute im Allgemeinen und die Laute des Englischen, Französischen und Deutschen im Besondern. Leipzig, Gustav Fock 1884—1886.
⁴) Vietor: Elemente der Phonetik und Orthoepie des Deutschen, Englischen und Französischen mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Lehrpraxis. 2. Auflage. Heilbronn, Henninger. 1887.
⁵³) Western: Englische Lautlehre für Studierende und Lehrer. Heilbronn, Henninger 1885.
) Franke: Phrases de Tous les Jours- Heilbronn, Henninger. 1886.
¹) Passy: Le Fraugais Parlé. Heilbronn, Henninger. 1886.
) Sweet: Elementarbuch des gesprochenen Englisch. 2. Auflage. Leipzig, T. O. Weigel. 1886.


