Aufsatz 
Zur algebraischen Methodik / von Theodor Walter
Entstehung
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NamensMäuſeturm zu gewinnen. Denn da uns die älteren Quellen keine ausreichende Auskunft über die urſprüngliche Beſtimmung des Mäuſeturms geben, und wir darauf angewieſen ſind, die Meinung verhältnismäßig junger Schriftſteller anzunehmen, ſo iſt man auf den Gedanken gekommen, einen Anhalt zur Feſtſtellung der urſprünglichen Beſtimmung des Mäuſeturms aus der etymologiſchen Deutung des NamensMäuſeturm= mhd.*müsturn**) zu gewinnen. In dieſem Falle nimmt man an, daß der NameMäuſeturm ſeine Entſtehung einer jüngeren Andeutung des urſprünglichen Namens an die an den Turm geknüpfte Sage verdanke. Bodmann nun hat an den genannten Stellen den*müsturn, wie er in der mittelalterlichen Sprache wohl geheißen hat, in Verbindung mit dem Stamm mus ge⸗ bracht, der in Wörtern wie Muskete, Muſerie(Zeughaus) u. ſ. w. vorliegt. Aber man ſieht nicht ein, weshalb ein Turm, der in ſeinem Innern viel zu wenig Raum bot, um als Zeughaus dienen zu können, zu dem NamenGeſchützturm, wie wir ein mit obigen Wörtern in Verbindung zu bringen⸗ des* masturn überſetzen müßten, kommen ſollte. Setzen wir auch den Fall, der Mäuſelurm ſei, wie andere Türme, die zur Befeſtigung und Sicherung von Plätzen oder Durchfahrten dienten, mit etwas Geſchütz verſehen geweſen, ſo konnte dies doch nur in neuerer Zeit der Fall geweſen ſein, wo der Turm ſeinen heutigen Namen ſchon hatte, wie wir oben zeigten(vergl. S. 18). Denn man wird doch nicht annehmen, daß ein ſo unförmiges Geſchütz, wie es das 15. Jahrhundeit beſaß und deſſen Fortſchaffung zu Lande ſchon mit ungeheuren Schwierigkeiten verbunden war, über den Rhein geſchafft worden ſei? Es hätte ja nicht einmal in dem kleinen Turme Platz gefunden. Und nehmen wir auch dies ganz Unwahr⸗ ſcheinliche an, ſo wäre doch immerhin unerklärlich, weshalb der Namemusturn, der doch hätte ver⸗ ſtändlich ſein müſſen, inMäuſeturm umgedeutet worden wäre.

Weit verbreitet iſt eine andere Erklärung des Namens, die denMäuſe turm aus einemMaut⸗ turm, d i. Zollturm entſtehen läßt. Dem widerſpricht aber erſtlich, daß das WortMaut= mhd.*) müte, wie auch heute noch, nur der bayriſch⸗öſterreichiſchen Mundart angehörte und am Rhein nicht üb⸗ lich war. Sodann finden wir nirgends einen Hinweis oder eine Erinnerung, daß der Mäuſeturm eine Zollerhebeſtätte war. Wohl befanden ſich ſolche in unmittelbarer Nähe auf beiden Ufern, auf Burg Eh⸗ renfels(vgl. oben S. 18, wo der Zollſchreiber Johannes erwähnt wird) und gegenüber etwas ſtromab⸗ wärts an dem ſog. Zollhofe), der unter dem Schloß Rheinſtein gelegen war. Außerdem würde hier derſelbe Einwand, wie bei der zuerſt erwähnten Deutung vonMäuſeturm ausmusturn zu erheben ſein, daß nämlich einMautlurm deſſen Zweck und Benenung hätten bekannt ſein müſſen, wenn das WortMaut überhaupt am Rhein ſprachüblich und der Mäuſeturm ein Zollturm geweſen wäre, kaum Veranlaſſung zu einer volksetymologiſchen Umgeſtaltung inMausturm gegeben hätte; denn eine ſolche Umdeutung ſetzt ſtets voraus, daß die Bezeichnung nicht mehr klar verſtanden und deshalb durch eine naheliegende Anähnlichung aufs neue verſtändlich gemacht wird.*)

Eine fernere Ableitung desmüsturnes von mhd. muos gleich nhd. Mus(gekochte Speiſe, Eſſen u. ſ. w.), wonach der Mäuſeturm ehemals einProviantturm geweſen wäre, iſt ſo unwahrſchein⸗ lich und bietet auch in ſprachlicher Hinſicht ſo manches Bedenken, daß wir ſie füglich kurz übergehen dürfen.

Zuletzt iſt noch die von Cornelius Will in dem ſchon öfter citierten Aufſatze warm ver⸗ teidigte Herleitung des*muüsturnes von dem mhd. Zeitwort müsenMäuſe fangen, beſchleichen, ſpähen zu erwähnen. Wenn dieſe Erklärung auch gut zu der von ihm angenommenen und recht wohl möglichen Beſtimmung des Mäuſeturmes als einerWarte paßt, ſo müßte doch zunächſt, um dieſe Annahme wahr⸗ ſcheinlich zu machen, nachgewieſen werden, daß von den vielen Türmen, die dieſem Zwecke dienten, der eine oder der andere wenigſtens ſo genannt worden wäre. Zum Beweiſe hiervon iſt aber nur eine Stelle

*)Müſerey hieß vormals z. B. das Zeughaus der Stadt Braunſchweig, vergl. Will, a. a. O. S. 214 f. Der Rhein. Antiquarius, II, 9, S. 370 erwähnt das alte, in der Nähe des Viltzbacher Thores gelegene ſtädtiſche Zeughaus zu Mainz: das Moßhus der Stede by Viltzbach, ferner die Muſemeiſter aus Braunſchweig und Lübeck, d. h die Auf⸗ ſeher über 5 Mufeeſen(nach Bodmann, deſſen Angaben aber von Weidenbach ſehr in Zweifel gezogen werden, vergl. ebenda S. 386 f.

**) mhd.= mittelhochdeutſch, nhd.= neuhochdeutſch. ***) Vergl. Rheiniſcher Antiquarius II, 9, S. S. 353 ff.

**½**) Man vergleiche z. B. das WortSünd flut, das aus älteremSintflut(wie Gelehrte jetzt wieder häufig ſchreiben und dieſe antiquariſche Form auch dem allgemeinen Sprachgebrauch einverleiben möchten, ein Vorgang, der lebhaft an ähnliche Beſtrebungen der Rhetoren der römiſchen Kaiſerzeit erinnert) große Flut, mit leicht erſichtlicher Anlehnung an den bibliſchen Bericht, wonach die Flut das Menſchengeſchlecht zur Strafe für ſeine Sünden vernichtete.