Aufsatz 
Zur algebraischen Methodik / von Theodor Walter
Entstehung
Einzelbild herunterladen

21

aus Scherz⸗Oberlin's Glossarium Germanicum) angeführt, die ſehr unbeſtimmt lautet: Mäusthürme, hoc nomine venere olim duae turres speculatoriae, altera cis altera trans Rhe- num positae in vicinia nostra; zu deutſch: Mäusthürme, mit dieſem Namen waren einſt zwei Wart⸗ türme bekannt, der eine diesſeits, der andere jenſelts des Rheins in unſerer Nachbarſchaft[bei Straß⸗ burg?] gelegen. Da ſich nun die Sage von dem Tod durch die Mäuſe auch in Straßburg findet und zwar mit Beziehung auf die Biſchöfe Wilderolf(+ 999) und deſſen Nachfolger Alawich(1001)**) ſo liegt die Vermutung hier ſehr nahe, daß dieſe Türme ihre Namen von der Sage bezogen haben. Außerdem wäre eine Benennung aus einer oberdeutſchen Mundart für das Rheinfränkiſche nicht entſcheidend, und auch der Beleg aus der Jagd Hadamars von Laber(herausgegeben von J A. Schmeller, Stuttgart 1830. Publ. des Litt. Vereins), den Will für die Bedeutungſuchen, ſpähen des mhd. müũsen bei⸗ bringt, iſt dem Bayriſchen zu Anfang des 14. Jahrhunderts zuzuweiſen.

Um nun das Ergebnis aus den vorſtehend erwähnten Deutungsverſuchen des NamensMäuſe⸗ turm zu ziehen, ſo glaube ich gezeigt zu haben, daß kein einziger ganz befriedigt. Aber wir haben mei⸗ nes Erachtens auch gar nicht nötig, irgend einen Deutungsverſuch aufzuſtellen. Denn ein ſolcher ſetzt voraus, daß die Sage von dem Tode Hattos durch die Mäuſe erſt infolge eines ſchon vorhandenen, ähn⸗ lich klingenden Namens an den Turm geheftet wurde und alsdann die Umdeutung des Namens verur⸗ ſuchte, wie das freilich bei der ſagenhaften Ueberlieferung nicht ſelten geſchieht***) Nichts hindert uns aber an der Annahme, daß die Hattoſage deshalb auf den Mäuſeturm bei Bingen bezogen wurde, weil dieſer ſich nahe bei der Reſidenz des Erzbiſchofs befand und ſeine unzugängliche Lage dem Zwecke gut entſprach, den die Sage für deſſen Zufluchtsort verlangt. Wir werden im 2. Teile dieſer Abhandlung noch ſehen, daß in der verwandten polniſchen Sage der König Popiel vor den Mäuſen zuerſt in einen hölzernen Turm auf einem Schiffe und dann auf einen hohen Turm(im Kruſchwitzer Caſtrum oder auf einer Inſel im Goploſee, flüchtet, während in den ähnlichen Märchen der transſilvaniſchen Zeltzigeuner in Siebenbürgenen) der König auf einen hohen Berg oder auf das Dach ſeines Hauſes, in einem Mär⸗ chen der transſilvaniſchen Ungarner) die böſe Stiefmutter ſich auf einen hohen Baum rettet. Der iſolierte Turm, das Dach des Hauſes, der hohe Berg oder der hohe Baum, alle ſollen eben nur eine Zu⸗ fluchtsſtätte vor den Verfolgungen der Mäuſe bieten, und zu dieſem Behufe ergriff die Sage jeweils das Nächſtliegende, das dieſen Zweck erfüllte, in der Hattoſage alſo den einſamen Inſelturm im Rhein bei Bingen. Der Mäuſeturm mag alſo ehe die Sage von Hattos Tod an ihn geheftet wurde, vielleicht ein⸗ fachder Turm geheißen haben, wie wir es ja häufig finden, daß ein Gegenſtand nicht durch eine nähere Bezeichnung von ähnlichen unterſchieden wird, wenn eine Verwechslung nicht zu erwarten iſt. So wird man z. B. einen fürſtlichen Palaſt in einem Ort, wo er der einzige ſeiner Art iſt, kurzwegdas Schloß, die Reſidenz oder ähnlich benennen, und erſt wenn eine Unterſcheidung nötig iſt, wird man vomRe⸗ ſidenzſchloß,Palais,neuen Palais u. ſ. w. reden. So hat ja auch ein ähnlicher, wenn ſchon grö⸗ ßerer Bau als der Mäuſeturm, die ſog. Pfalz bei Kaub, eine ganz allgemeine Benennung erhalten, die ihr geblieben iſt

Kommen wir jetzt zum Schluſſe! Wenn wir oben Seite 16 geſehen haben, daß uns die äußern Kriterien fehlen, um die Zeit der Entſtehung der Mäuſeturmſage zu beſtimmen, ſo ſind wir durch die nunmehr beendigte Unterſuchung doch in den Stand geſetzt, wenigſtens annähernd und vermutungsweiſe das Aufkommen und die örtliche Fixierung der Sage von Hattos Tode zeitlich zu begrenzen. Als Trä⸗ ger der Sage dürfen wir mit großer Wahrſcheinlichkeit Hatto IJ. anſehen; als terminus a quo(Anfangs⸗ termin) hätten wir alſo das Jahr 1000 etwa anzunehmen, wenn wir bedenken, daß immerhin eine be⸗ trächtliche Zeitſpanne verfloſſen ſein mußte, ehe ſich eine ſagenhafte Kunde von dem Tode eines Mannes bilden konnte, der eine ſo große Rolle im ſtaatlichen Getriebe Deutſchlands im Anfang des 10. Jahr⸗

..») Johannis Georgii Scherzii I1678 1754] Glossarium germanicum medii aevi, potissimum Sgeeti Lüwjeae edidit illustravit supplevit Jeremias Jacobus Oberlinus I[17351806], Argentorati 781 1784. *) Vergl. W. Hertz, Deutſche Sage im Elſaß, S. 105 ff.

**) So iſt z. B. die Sage von den Harlungen und ihrem Schatze, dem brisinga mene, wegen des Anklanges von bris-inga(ing iſt die Ableitungsſilbe) an Bris-ach im Bris-gouwe(Breiſach im Breisgau) daſelbſt lokaliſirt worden und hat auf die Namengebung in der dortigen Gegend mannigfachen Einfluß ausgeübt. Vergl. Verf., Zeitſchrift für den deut⸗ ſchen Unterricht VI, S. 550.

****) Mitgeteilt von H. von Wlislocki in der Germania, Band XXXII, 1887, S. 432 ff. *****) Ebenda, S. 441 f.