Aufsatz 
Zur algebraischen Methodik / von Theodor Walter
Entstehung
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zügliche Inſchrift, die ſich früher am St. Stephansturme in Mainz befand und in ihrem Schlußverſe gänzlich unverſtändlich iſt, jetzt nicht mehr als Beweis für dieſe Behauptung angeführt wird*), ſo läßt ſich doch nicht läugnen, daß Erzbiſchof Willegis, der dem Erzſtift die linksrheiniſche Strecke von der Selz bis zur Heimbach und das Rheingau erwarb, Grund genug zur Anlegung dieſes Turmes zur Sicherung des Verkehrs auf dem Rhein gehabt haben mag. Denn dafür, daß der Mäuſeturm ſchon vor dem 13. Jahrhundert beſtanden habe, ſcheint doch der Umſtand zu ſprechen, daß wir, wie oben erwähnt, die Sage vom Binger Mäuſeturm am Ende des 13. Jahrhunderts ſchon völlig ausgebildet finden, und wir immerhin doch annehmen müſſen, daß eine gewiſſe Spanne Zeit verſtrichen war, ehe der neuerbaute Turm dem Volke ſo vertraut geworden war, daß ſich eine Sage an ihn heften konnte, die eine ſolche Verbreitung und Beliebtheit genoß. Wenn auch die Bauart mit der des Schloſſes Ehrenfels überein⸗ ſtimmte und ins 13. Jahrhundert wieſe, ſo ſteht der Annahme eines früheren Beſtehens des Turmes doch nichts im Weg, denn derſelbe konnte wohl, als jene Burg errichtet wurde, ſelbſt als eine Art Zu⸗ behör zu ihr betrachtet und demgemäß umgebaut worden ſein.

Und ſomit kommen wir nunmehr, nachdem die Frage nach dem Alter des Turmes erörtert iſt, zu der nach ſeiner urſprünglichen Beſtimmung.

Heute dient der Mäuſeturm als Signalturm für den Schiffsverkehr auf dem Rhein, der an die⸗ ſer Stelle, wegen des in der Nähe befindlichen ſog. Binger Loches, gut überwacht und geregelt ſein muß. Ob er aber auch ſchon in älterer Zeit dieſem Zwecke gedient habe, wie Cornelius Will⸗*) anzu⸗ nehmen ſcheint, iſt doch ſehr zweifelhaft. Denn der im 17. Jahrhundert in Mainz lebende Verfaſſer der Binger Chronik⸗**), Scholl, ein geborener Binger, der aus allerlei mittelalterlichen Hiſtorikern ſein Werk zuſammenſchrieb(1613) und der trotz der Wertloſigkeit dieſer Arbeit eine gewiſſe Beachtung bean⸗ ſpruchen darf, wo er ſeine perſönliche Anſicht über Verhältniſſe, die er ſelbſt kennt, ausſpricht, ſagt über den Mäuſeturmeee):Der Meuſthurm aber iſt den Rhein an dieſem engen Orth zu beſchliſſen und zu verwaren gebauet, wie leichtlich ein verſtändiger, der die Sachen recht erweiſen kann, vor ſich ſehet; ferner an einer andern Stellererr):Er(Erzbiſchof Willegis] hatt auch gebauet den Mäuſthurm zu einer wacht, die durchfahrt des Rheinß damit in fall der noth zu ſperren. Man war demnach im An⸗ fang des 17. Jahrhunderts der Meinung, der Mäuſeturm habe früher dazu gedient, die Rheinſtrecke ober⸗ halb Bingens im Kriegsfalle abzuſperren. Dieſer Anſicht iſt auch der ſchon oben erwähnte Serarius (in dem Werke des Joannis, Rerum Mogontiacarum, vol. I. p. 445), der 1604 ſtarb, und eben⸗ ſo der gleichfalls ſchon genannte Abt Trithemius, der ein Jahrhundert früher lebte( 1516)**). Alle bezeichnen den Mäuſeturm als eine Art Warte, wie ſie ſich im Mittelalter regelmäßig in der Um⸗ gebung feſter Plätze zu finden pflegten; man denke z. B. an die heute noch ſogenannte Erbenheimer Warte hinter Koſtel(gegenüber Mainz) Freilich braucht man deshalb nicht gleich anzunehmen, der Mäuſeturm ſei ein mit Geſchützen wohl bewaffneter Turm, ſo zu ſagen ein Art Zeughaus geweſen. Das iſt zum Beiſpiel die Anſicht Bodmanns, ſowohl in denRheingauiſchen Altertümern, S. 148, Note c, als auch in einer Randbemerkung in ſeinem Handexemplar von Joannis, Rer. Mog. I, p. 439 (vergl. oben S. 18 Anm.). An dem letzteren Orte ſagt er: Fabula[von Hattos Tod à nautis in odium nauli et thelonei, gravis ibi olim persoluti, excogitata, et velut per manus tradita, cum nescirent, olim hanc turrim, aeque ut serius die Pfalz prope Cubam, armamentis, balistis etc. (quae Musaria olim dicta) ad coércendas naves et nautas pro solvendo theloneo instructam fuisse. Zu deutſch: Die Sage iſt von Schiffern erfunden worden, weil ſie die ſchweren Abgaben und Zölle, die dort einſt erhoben wurden, haßten, und gleichſam von Hand zu Hand überliefert worden, da ſie nicht wußten, daß dieſer Turm, wie ſpäter die Pfalz bei Kaub, mit Geſchützen u. ſ. w.(was man ehemals Muſerie nannte) verſehen war.

Ich halte die Anſicht, daß der Mäuſeturm eine Art Zeughaus geveſen ſei, für zu weitgeh⸗ end. Auch Bodmann hat ſie wohl nur deshalb aufgeſtellt, um einen Rückhalt für ſeine Deutung des

*) Sie lautete: Pontem construxit apud Aschaffenburg, bene duxit ac pontem per Nahe: miles transit quoque verna, et bene necesse prope Bing Maeussen dedit esse. D. h Er erkaute eine Brücke bei Aſchaffenburg und ebenſo eine über die Nahe(der Reſt iſt nicht verſtändlich). 1

**) a. a. Orte, S. 212.

***) Annales Bingenses, herausgegeben von E. Sander, Mainz 1853. **½**) a. a. O. Seite 45.

***) a a. O. Seite 50.

******] Vergl. C. Will, a. a. O. S. 214.