Aufsatz 
Zur algebraischen Methodik / von Theodor Walter
Entstehung
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ſonſt die Chroniſten die Erwähnung eines von ſo verderblichen Folgen begleiteten Ereigniſſes nie entgehen. Von Hatto I. aber wird nicht blos der Tod durch Mänſebiſſe erzählt, ſondern es werden auch noch an⸗ dere Arten eines unnatürlichen Todes von ihm berichtet, und zwar zur Strafe für ſeine mindeſtens all⸗ gemein geglaubten, wenn nicht wirklich begangenen Unthaten. Daher dürfen wir wohl mit gutem Fug annehmen, daß in der urſprünglichen Geſtalt der Sage der Tod ducch die Mäuſe von Hatto I. und nicht von Hatto II. erzählt wurde.

Es erübrigt uns noch zu unterſuchen, wie ſo es kam, daß dennoch die überwiegende Zahl der Geſchichtsſchreiber jenes entſetzliche Ende Hatto II. andichtete, und ob ſich für dieſes Vorgehen eine ge⸗ ſchichtliche Grundlage finden läßt.

Die Familie, aus der Hatto II. ſtammte, war verhaßt, weil ſie es gewagt hatte, an den Erz⸗ biſchof Friedrich Hand anzulegen; er ſelbſt war als hochmütig und habſüchtig verrufen. Die letztere Eigenſchaft mag es vielleicht geweſen ſein, die ihn veranlaßte, alle Mönche aus dem Kloſter Diſiboden⸗ berg(an der Nahe) zu vertreiben, ein Unrecht, das in den Augen kirchlicher Chroniſten freilich ſehr ſchwer wog.*) Und ſo mag ihm denn ſpäterhin einer von dieſen auch die Sühne in Geſtalt des Todes durch die Mäuſe angedichtet haben; das Volk ſelbſt hatte ja keine Urſache den Erzbiſchof als Übelthäter zu brandmarken, da die Veranlaſſung zur Vertreibung der Mönche ſich wahrſcheinlich aus Streitigkeiten über⸗ das gegenſeitige Verhältnis von Kloſter und Overhirt ergeben haben wird.

Nachdem wir im Vorhergehenden über die Perſon des Sagenträgers das Erforſchbare feſtgeſtellt haben, wollen wir nunmehr dazu übergehen, den Ort, an dem die Sage lokaliſiert iſt, einer nähern Be⸗ trachtung zu unterwerfen.

Wir erwähnten oben, daß von den älteren Geſchichtsſchreibern und der Sage überall berichtet wird, der Mäuſeturm bei Bingen ſei von Erzbiſchof Hatto erbaut worden, als er ſich vor der göttlichen Strafe flüchten mußte. Damit wäre die Entſtehungszeit dieſes Bauwerks ins 10. Jahrhundert gerückt, in den Anfang desſelben, wenn wir Hatto I, an das Ende, wenn wir Hatto II.(was weniger wahr⸗ ſcheinlich iſt, wie oben ausgeführt) als Träger der Sage anſehen.

Zum erſten Male nun in der geſchichtlichen Überlieferung treffen wir auf den Namen des Tur⸗ mes in der Form:Der Maußthurm in den Annales Hirsaugienses des Abtes Trithemius, der 1516 ſtarb**) Doch die Entſtehung des Turmes ſelbſt reicht jedenfalls in eine weit ältere Zeit zurück. Manches ſpricht dafür, daß er im 13. Jahrhundert erbaut worden iſt. Zunächſt ſoll nach einer verbreiteten Anſicht die Bauartnr) es erweiſen, daß er zu dieſer Zeit errichtet worden iſt, vielleicht⸗ gleichzeitig mit dem Schloß Ehrenfels unter Erzbiſchof Siegfried II.*) Er gehörte wohl zu dieſer Sommerreſidenz der Mainzer Erzviſchöfe, was auch dadurch beſtätigt zu werden ſcheint, daß ſich in Me⸗ rians Abbildung Befeſtigungen vom Ehrenfels herab an den Rhein ziehen, die offenbar den Zweck hatten, die Burg in ſteter, ſicherer Verbindung mit dem Rhein und dem darin befindlichen Turm zu hal⸗ ten. Dürfen wir alſo aus der Bauart des Turmes und des Schloſſes auf die gleichzeitige Entſtehung der beiden Bauwerke ſchließen, und weiſt jene durch ihre Eigenart auf die Technik des 13. Jahrhunderts hin, ſo wird das Vorhandenſein der Burg Ehrenfels zu dieſer Zeit durch eine Urkunde aus dem Jahre 1239 bewieſen, in der ein Johannes, Zollſchreiber auf Ehrenfels, erwähnt wird.er) Eine wahrſchein⸗ lich ins Jahr 1222 zu ſetzende Urkunde, deren Echtheit oder richtige Überlieferung freilich erheblichen Zweifeln begegneteer) enthält einen Schiedsſpruch zu Gunſten Siegfrieds II. gegen die Witwe des Erbauers der Burg, Philipp von Bonlanden, der ſie im Auftrage jenes Erzbiſchofs erbaut haben ſoll.

Gegenüber dieſer Anſicht nun, die die Erbauung des Mäuſeturms gleichzeitig mit der von Schloß Ehrenfels ins 13. Jahrhundert fallen läßt, beſteht die ältere Meinung eeerrn), die den Erzbiſchof Wil⸗ legis(975 1011) für den Erbauer des Turmes hält. Wenn auch eine auf dieſen Kirchenfürſten be⸗

*) Behaim⸗Schwarzbach, a a. O. S. S. 78 und 108. **) Corn Will, a. a. O. Seite 208. ***) D. h. vor dem Umbau in den fünfziger Jahren dieſes Jahrhunderts, vergl. Will, a. a. O. S. 211. *rrn)] Nach einer eigenhändigen Bleiſtiftnotiz auf Seite 443 des auf der Mainzer Stadtbibliothek aufbewahrten Hand⸗ exemplars Bodmanns von Joannis, Rer. Mog. I. Dieſem ſchließt ſich Will a. a. O. an. ****) Bodmann, Rheing. Alterthümer, S. 748, Note b. **r*) Sie iſt abgedruckt in Guden, Cod. dipl. II, 57 und wird von Will a. a. O. S. 210 ausführlich beſprochen. . 2 Sie wird feſtgehalten von Weidenbach in dem Aufſatz: Der Mäuſethurm in denRheingauiſchen Blättern, 1857, Nr. Nr. 14 20, dem der Rheiniſche Antiquarius II, 9, S. 392 ff. ſich faſt wörtlich anſchließt, und wie es. ſcheint, auch von Behaim⸗Schwarzbach, a a. O. S. 110, Anm. 56.