Aufsatz 
Zur algebraischen Methodik / von Theodor Walter
Entstehung
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Zeit die Sage Hatto dem I. jenes ſchreckliche Ende zuſchrieb. Und in der That ſpricht alle Wahrſchein⸗ lichkeit dafür, daß es urſprünglich Hatto I. ſein mußte, dem der Tod durch die Mäuſe angedichtet wurde, und nicht Hatto II. Denn dieſer hat überhaupt nur zwei Jahre, von 968 970, auf dem erzbiſchöflichen Stuhle geſeſſen und die Geſchichte weiß von ihm ſo gut wie nichts zu melden.*) Über einen ſolchen Mann wird die Erinnerung ſpäterer Zeiten raſch hinweggegangen ſein, während Hatto des Erſten Thaten die Phantaſie des Volkes ſo gewaltig erregten, daß die deutſchen Stämme vom Meer bis zu den Alpen ſeine Thaten in Liedern beſangen, wie uns höchſt glaubwürdige Chroniſten, Otto von Freiſingen nnd der Mönch Ekkehard erzählen.**) Kein deutſcher Kirchenfürſt des 10. Jahrhunderts wie auch der vorange⸗ gangenen und nächſtfolgenden Zeit hat eine ähnliche Machtfülle in ſeiner Hand vereint und gleichen Ein⸗ fluß auf das ſtaatliche und wohl auch auf das kirchliche Leben ausgeübt, wie der vom König Arnulf im Jahre 891 zum Erzbiſchof von Mainz erhobene ehemalige Abt von Reichenau. Unter drei deutſchen Herrſchern, dem durch ſeine Mitwirkung zum Kaiſer gekrönten(896) Arnulf, ſeinem minderjährigen Sohne, Ludwig dem Kinde(900 911), und unter deſſen Nachfolger, Konrad I. von Franken, kämpfte er für die Rechte des Königs gegen aufrühreriſche Herzöge, bald im Weſten, bald im Oſten und bald im Norden des Reichs. Daß er dabei nicht immer den Weg des Rechts und der Ehrlichkeit innegehalten habe, iſt eine ſchon von gleichzeitigen und auch ſpäteren Schriftſtellern aufgeſtellte Behauptung, welche die moderne Forſchung teils anerkannt, teils verworfen hat.**) Für unſere Zwecke iſt der Streit über Hat⸗ tos Schuld oder Unſchuld gleichgiltig; es genügt uns feſtzuſtellen, daßdie Geſchichte vom Verrate Hat⸗ tos noch nach Jah rhunderten von Bänkelſängern auf den Gaſſen geſungen wurde, wie Ernſt Dümm⸗ ler an dem in der untenſtehenden Anmerkung genannten Orte ſagt. Zwei Männer waren es beſonders, die unter Hattos Gegnerſchaft zu leiden hatten. Der eine war Adalbert von Babenb erg, der wegen Landfriedensbruchs von einem Reichsheere in ſeiner Burg Theres am Main belagert und nach der Einnahme dieſer Burg im Jahre 906 enthauptet wurde. Die Schuld an der Gefangennahme des tapferen Fürſten ſchrieb die ſpäter allgemein herrſchende Anſicht dem Erzbiſchof Hatto von Mainz zu. Der andere Stammesfürſt, den Hatto zu vernichten trachtete, war Heinrich von Sachſen, der Gegner König Konrads I. und ſpätere König Heinrich I. Die Geſchichte der Fehde zwiſchen dem ein⸗ flußreichen Kerchenfürſten und dem mächtigen Sachſenherzoge iſt überwuchert von Sagenbildungen man⸗ cherlei Art, die unter den Sachſen entſtanden*nn), zugleich dem alten Stammesgegenſatz zwiſchen dieſen und den Franken erneuten Ausdruck verliehen. Es war alſo Hatto in der Meinung des Volkes und in⸗ folgedeſſen auch nach der Anſicht der Chroniſten zum Verräter geſtempelt worden, und das Rechtsbewußt⸗ ſein jener Zeiten mußte die dem entſprechende Sühne, wenn ſie nicht thatſächlich ſtattfand, wenigſtens er⸗ dichte. So läßt ihn denn ein Teil der mittelalterlichen Geſchichtsſchreiber vom Blitz getroffen ſterben, ein anderer an Gewiſſensbiſſen und ein dritter Teil endlich durch die Mäuſe zu Grunde gehen.*nr) Der Magiſter Engelhus z. B. läßt ihn in ſeinem zu Anfang des 15. Jahrhunderts verfaßtenChro⸗ nikon des letzteren Todes ſterben; dann aber wird er zur weiteren Strafe für ſeinen Verrat an Adal⸗ bert von Babenberg von Dämonen in den AÄtna hinabgeſtürzt, während eine Stimme ruft:

Sic peccata lues, sicque ruendo rues; zu deutſch: So wirſt du deine Sünden büßen uad ſo im Sturze verſinken!

Wir erhalten demnach aus dem eben Ausgeführten folgendes Ergebnis: Von Hatto II. wird freilich häufiger als von Hatto I. berichtet, daß ein göttliches Strafgericht den Tod durch Mäuſe über ihn verhängt habe, ohne daß aber ein geſchichtlicher Grund erſichtlich wäre, weshalb er die Strafe ver⸗ dient hätte. Denn von der in der Sage ſelbſt erwähnten Veranlaſſung, er habe während der Hungersnot die Armen in eine Scheuer einſperren und verbrennen laſſen, müſſen wir ſchon um deſſentwillen abſehen, weil aus dem ganzen 10. Jahrhundert von keiner Hungersnot berichtet wirdeierrn) und doch ließen ſich e) Vergl. Böhmer⸗Will, Regeſten der Mainzer Erzbiſchöfe, I, pp. 114 116

*) Vergl. Behaim⸗Schwarzbach, a a O. S. S. 83 u. 105; ferner zum folgenden über Hatto I. beſonders Heidemann, Hatto I, Gymn⸗Programm, Berlin 1865.

*½*) Vergl. Heidemann, Hatto I, S. S. 27 f. und S. S 34 f.(dieſer zweifelnd); ferner Behaim⸗ Schwarzbach, a a O S. S. 81 f.(für Hattos, Schuld). Gegen Hattos Schuld iſt Dümmler in der Allg. deutſchen Biographie XI, S. S. 27 f. Er ſagt: Seine Gegnerſchaft gegen die Herzöge, die ſich der Volksgunſt im allgemeinen zu er⸗

freuen hatten, bewirkte, daß die Nachwelt ihn ſich als einen liſtigen Fuchs, als einen Mann von ſehr zweifelhaftem ſittlichen Charakter vorſtellte. 3

***) Heidemann, a. a. O. S S 35 f. 14***] a. a. O. Seite 83 und Seite 106 f.

****) Behaim⸗Schwarzbach, a. a. O. S. 77 f. Zviſchen 873 u. 1056 wird keine Hungersnot erwähnt.