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in eum facto, tantis eum molestiis affecit, ut nusquam ei tutus ab ipsorum morsibus daretur locus. Turrim denique in ipso Rheni flumine exstruxit, ibi se liberum fore sperans. At be- stiolae illae transnatando Rhenum(mirabile dictu) turrim conscenderunt, ipsumque Episcopum suis morsibus enecuerunt. Pontificis quoque nomen parietibus et chartis inscriptum divina ul- tione abraserunt.
In deutſcher Überſetzung:
Mitten im Rheinſtrom, nahe bei Bingen, einer bei Tacitus*) und Ammianus“*) häufig er⸗ wähnten Stadt, wird ein Turm gezeigt, der ſo allgemein„Mäuſeturm“ genannt wird, daß kaum ein Schiff vorüberfährkt, ohne daß die Sage davon den Reiſenden, die ſie noch nicht kennen, von den andern erzählt wird. Es befindet ſich auch nahe bei Mainz ein Hügel, der als Zeuge für die Veranlaſſung dienen kann, weshalb Hatto von den Mäuſen verzehrt worden iſt. Er heißt nämlich„Hattenberg“ heute „Hardenberg“], weil die Anſicht beſteht, jener habe ſich auf dieſem Berge der Erholung und auch der Sparſamkeit halber ein Schloß erbaut, damit die Armen und Dürftigen(die wir nach Gottes Rathſchluß immer unter uns haben, beſonders in den Städten, und die er ſelbſt als hartherziger Mann verachtete)⸗ ihm nicht leicht nahen könnten, indem er mit ſeiner Wohnung auch ſeinen Anblick ihnen entrückte.
Denn zu Zeiten einer Hungersnot ſoll er eine ſehr große Anzahl Almoſen heiſchender Bettler in eine geräumige Scheuer eingeſperrt haben, als ob er durch ſeine Freigebigkeit ſie ſpeiſen wollte, dann aber Feuer anzulegen und ſie zu verbrennen befohlen haben. Als ihr Wehgeſchrei aus den Flammen⸗ heraus gehört wurde, ſagte der Biſchof, das ſeien die Mäuſe. Aber im dritten Jahre ſeines Kirchenam⸗ tes traf ihn die göttliche Rache. Denn ein Haufen Mäuſe griff ihn an und ſetzte ihm ſo zu, daß er keinen Ort ſinden konnte, wo er vor ihren Biſſen ſicher geweſen wäre. Endlich ließ er einen Turm im Rheinſtrom ſelbſt erbauen, hoffend, daß er dort ſicher ſein werde. Aber jene Tiere ſchwammen wunder⸗ barer Weiſe über den Rhein, erklommen den Turm und töteten den Biſchof ſelbſt durch ihre Biſſe. Auch den Namen des Kirchenfürſten nagten ſie infolge der göttlichen Rache ab, wo ſie ihn an den Wänden oder auf den Tapeten geſchrieben fanden.
Nachdem wir im Vorhergehenden nun die Sage ſelbſt in älterer und jüngerer Faſſung kennen
gelernt haben, wollen wir unſere Aufmerkſamkeit nunmehr auf die ihr zu Grunde liegenden angeblichen geſchichtlichen Thatſachen lenken. — Was zunächſt die Zeit der Entſtehung der Mäuſeturmſage betrifft, ſo iſt dieſelbe aus deren Überlieferung nicht mit Sicherheit zu beſtimmen. Man muß indeſſen dafür den Zeitraum vom 11. bis⸗ 13. Jahrhundert anſetzen, da ihrer bei Schriftſtellern des ausgehenden 13. und des 14. Jahrhunderts ſchon als einer fertigen Sage Erwähnung geſchieht*) und andererſeits ſich im 10. Jahrhundert noch nicht gut eine ſagenhafte Vorſtellung von dem Tode eines Mannes bilden konnte, der, je nachdem wir die Sage auf Hatto I. oder Hatto II. beziehen, zu Anfang oder gar erſt zu Ende dieſes Jahrhunderts lebte. Wenn uns alſo die äußere Geſchichte der Sage keinen beſtimmten Anhaltspunkt für die Zeit ihrer Ent⸗ ſtehung liefert, ſo wollen wir verſuchen, aus inneren Kriterien Mittel und Wege zu finden, um dieſelbe ſo weit wie mög lich zu erhellen. Aus den vorſtehend mitgetheilten Berichten über Hattos Ende er⸗ geben ſich die zwei Thatſachen, auf die wir zunächſt näher eingehen wollen. Erſtlich nehmen ſie alle⸗ übereinſtimmend an, daß es Hatto II. war, den die Mäuſe zu Tode peinigten, und ferner, daß dieſer den Mäuſeturm bei Bingen erbauen ließ.—
Freilich ſchieben nicht alle Schriftſteller des Mittelalters, gleich den hier erwähnten, den Tod⸗ durch Mäuſe Hatto II. zu. Eine Anzahl und darunter ſogar der älteſte Chroniſt, der die Sage erwähnt, der Meißener Prieſter Sigfrid(† 1307), der am Ende des 13. Jahrhunderts ſein Geſchichtswerk⸗ ſchrieb, berichtet den Tod durch Mäuſebiſſe von Hatto I. und zwar zum Jahre 923.*) Das iſt nun freilich ein kleiner Irrtum, denn Hatto I. ſtarb ſchon 913, aber deshalb dürfen wir mit einem Schrift⸗ ſteller jener Zeit nicht zu ſtreng ins Gericht gehen. Es genügt für uns feſtzuſtellen, daß ſchon in früher 4)) Tacitus, der größte der römiſchen Geſchichtsſchreiber, lebte von 55— 120 n. Chr. etwa. Seine Geſchichte der⸗ römiſchen Kaiſerzeit von Auguſtus Tod(† 14 n. Chr.) an wurde von
**) Ammianus Marcellinus(330— 400 n. Chr. etwa) fortgeſetzt bis zum Jahre 378 n. Chr.
***) Vergl. Joannis, Rer. Mog. I, p. p. 438 und 447 Note und Corn. Will, der Mäuſethurm bei Bingen in der Monatsſchrift für rheiniſch⸗weſtfäliſche Geſchichtsforſchung und Alterthumskunde, 1. Jahrgang, 1875, S. 208.
****) Vergl. Behaim⸗Schwarzbach, die Mäuſethurmſage u. ſ. w. in der Feſtſchrift gewidmet der Hauptver⸗ ammlung des Geſammtvereins deutſcher Geſchichts⸗ und Alterthumsvereine, Poſen 1888, S. 84 und beſ. S. 107.


