14
ſpäteren Teil noch ſehen werden, in mannigfacher Geſtalt bei vielen deutſchen Stämmen und auch frem⸗ den Völkern umläuft.
Wenn nun im folgenden der Verſuch gemacht wird, die Ergebniſſe der Forſchung auch einem weiteren Leſerkreis zugänglich zu machen, ſo iſt es nicht zu vermeiden, daß viele dem Fachgelehrten längſt bekannte Thatſachen wiederholt werden, und daß das Neue dadurch in den Hintergrund gedrängt wird. Doch dürfte es andererſeits auch für den Sagenkundigen nicht unerheblich ſein, manche der in den letz⸗ ten Jahren veröffentlichten, aber an den verſchiedenſten Orten zerſtreuten Mitteilungen, beſonders auch ſolche ber Ferbondte Sagen, über die der ſpäter zu veröffentlichende 2. Teil handeln ſoll, hier ver⸗ einigt zu finden.
8 In den„deutſchen Sagen“ der Brüder Grimm(, 2. Aufl., 1865, Nr. 242, S. 288), findet ſich die folgende Erzählung: Der binger Mäuſethurm.
Zu Bingen ragt mitten aus dem Rhein ein hoher Thurm, von dem nachſtehende Sage umgeht. Im Jahre 974 ward große Theuerung in Deutſchland, daß die Menſchen aus Noth Katzen und Hunde aßen und doch viele Leute Hungers ſtarben. Da war ein Biſchof zu Mainz, der hieß Hatto der andere, ein Geizhals, dachte nur daran, ſeinen Schatz zu mehren und ſah zu, wie die armen Leute auf der Gaſſe niederfielen und bei Haufen zu den Brotbänken liefen und das Brot nahmen mit Gewalt. Aber kein. Erbarmen kam in den Biſchof, ſondern er ſprach:„laſſet alle Armen und Dürftige ſammeln in einer Scheune vor der Stadt, ich will ſie ſpeiſen“. Und wie ſie in die Scheune gegangen waren, ſchloß er die Thüre zu, ſteckte mit Feuer an und verbrannte die Scheune ſammt den armen Leuten, Jung und⸗ Alt, Mann und Weib. Als nun die Menſchen unter den Flammen wimmerten und jammerten, rief Bi⸗ ſchof Hatto:„hört, hört, wie die Mäuſe pfeifen!“ Allein Gott der Herr plagte ihn bald, daß die Mäuſe Tag und Nacht über ihn liefen und an ihm fraßen, und vermochte ſich mit aller ſeiner Gewalt nicht wider ſie behalten und bewahren. Da wußte er endlich keinen andern Rath, als er ließ einen⸗ Thurm bei Bingen mitten in den Rhein bauen, der noch heutigen Tags zu ſehen iſt, und meinte ſich darin zu friſten, aber die Mäuſe ſchwammen durch den Strom heran, erklommen den Thurm und fraßen. den Biſchof lebendig auf.
Die vorſtehend wiedergegebene Faſſung der Sage iſt die heutzutage gewöhnlich in den Leſebüchern, Rheinſagen und ähnlichen Werken anzutreffende. 4
Sehen wir uns nun zunächſt nach den älteren Überlieferungen der Sage um und wählen wir zum Vergleich einige der bezeichnendſten davon zur Mitteilung aus. Zur Zeit des Wiederaufſchwungs volkstümlicher deutſcher Dichtung und Geſchichtsſchreibung im 16. Jahrhundert begegnen wir der Erzäh⸗ lung von Hattos Tod durch die Mäuſe in mannigfacher Faſſung, wenn auch nicht ſelten ſchon ihre Rich⸗ tigkeit in leiſen Zweifel gezogen wird. So erzählt Sebaſtian Münſter in ſeiner„Kosmographie“ (Weltbeſchreibung) vom Jahre 1550 die Geſchichte folgendermaßen“*):
Es war ein Biſchoff zu Mentz zu den Zeiten des groſſen Keyſers Otten/ nämlich anno Chriſti. 914**) Der hieß Hatto/ under dem entſtund ein groſſ Thewrung/ und da er ſahe daß die Armen Leut groſſen Hunger litten/ verſammlet er in ein Schewr viel armer Leut/ und ließ ſie darinn verbrennen: dann er ſprach: es iſt eben mit jenen als mit den Meuſen die das Korn freſſen/ und niergend zu nütz ſind. Aber Gott ließ es nicht ungerochen. Er gebote den Meuſen daß ſie mit Hauffen über jhn lieffen, jm Tag und Nacht keine ruhe ließen/ wolten jhn alſo lebendig freſſen. Da flohe er in dieſen Thurm*)/ und verhofft er würd da ſicher ſeyn vor den Meuſen. Aber er mocht dem Urtheil Gottes nicht entrün⸗ nen/ ſondern die Meuß ſchwammen durch den Rhein zu jm. Da er das ſahe/ erkannt er das Urtheil Gottes/ und ſtarb alſo under den Meuſen.
Vorſichtig fügt aber der Schriftſteller noch hinzu:
Wilt du es für ein Fabel haben, will ich nicht mit dir darumm zancken/ ich hab diß Geſchicht mehr dann in einem Buch gefunden.
Eine beigegebene kleine Zeichnung ſtellt die Mäuſe dar, wie ſie über den Rhein ſchwimmen und an einem von den Wellen umſpülten runden Turm hinaufklettern.
) Ich benute die Ausgabe der Mainzer Stadtbibliothek, gedruckt zu Baſel 1598, p. D0CXVII. **) Man beachte den doppelten Irrtum: Hatto I. ſtarb ſchon 913 und Otto der Große kam erſt 936 zur Regierung. 2**) Nämlich den(als in der Nähe Bingens liegend) erwähnten und abgebildeten Mäuſeturm.


