Aufsatz 
Zur algebraischen Methodik / von Theodor Walter
Entstehung
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1,1 Luft wiegt bei 00 und 760 mm 1,2936 g. Das ſpezifiſche Gewicht des Waſſerſtoffs, be⸗ zzogen auf Luft, beträgt 0,0693. 1 1 Waſſeerſtoff wiegt folglich 1,2936. 0,0693= 0,0896 g, oder was dasſelbe heißt, 0,0896 g Waſſerſtoff erfüllen einen Raum von 1 1I. Folglich erfüllen 2 g Waſſerſtoff

oder das in Grammen ausgedrückte Molekulargewicht dieſes Gaſes einen Raum von 60896 22,32 1

(alles bei 0 und 760 mm). Da nun aber nach dem Geſetz von Avogadro die Molekül« aller Gaſe, gleichen Druck und gleiche Temperatur vorausgeſetzt, den gleichen Raum erfüllen, ſo müſſen auch die in Grammen ausgedrückten Molekulargewichte aller übrigen Gaſe bei 00 und 760 mm einen Raum von 22,32 1 einnehmen. 3

Von weſentlichem Einfluß ſind endlich die neueren Anſchauungen, wie dies aus dem Vorhergeh⸗ enden ſich von ſelbſt verſteht und auch ſchon andeutungsweiſe erwähnt wurde, für die Schreibweiſe der chemiſchen Formeln geworden. Denn da die neuere Theorie von dem Molekül und nicht von dem Atom ausgeht, ſo mußten die Atomgewichte verſchiedener Elemente, da ſie nicht mehr wie früher das kleinſte Verbindungsgewicht, ſondern die kleinſte im Molekül ihrer Verbindungen vorkommende Menge dieſer Elemente ausdrücken, gegen früher verdoppelt werden. Es iſt dies bei allen denjenigen Elementen der Fall, die eine gerade Wertigkeit beſitzen, das heißt, deren Atom ſich mit einer geraden Anzahl von Waſ⸗ ſerſtoff⸗oder Chloratomen verbindet. Die Atomgewichte der Elemente mit ungerader Wertigkeit oder der⸗ jenigen Elemente, deren Atom eine ungerade Anzahl von Waſſerſtoff⸗ oder Chloratomen bindet, ſtimmen mit den alten Aquivalentgewichten überein. Dieſe teilweiſe Verdoppelung der Atomgewichte hängt mit der teilweiſen Verdoppelung der Molekulargewichte chemiſcher Verbindungen zuſammen und bedingt, wie geſagt, zum teil eine neue Schreibweiſe der chemiſchen Formeln. Für den Übergang von den alten For⸗ meln zu den neuen Formeln merke man ſich folgende Regeln: 1) Kommen in einer alten Formel nur geradwertige oder nur ungeradwertige Elemente vor, ſo bleibt die Formel ungeändert. Beiſpiel: NHa, C02. 2) Kommen in einer alten Formel geradwertige und ungeradwertige Elemente zu gleicher Zeit vor, ſo werden die Indices der geradwertigen Elemente halbiert, die Indices der ungeradwertigen Elemente bleiben ungeändert Beiſpiel: alte Formel C H Oa, neue Formel C, He O 3) Kommt man bei dem unter 2) angegebenen Verfahren auf Bruchteile von Atomen, ſo multipliciert man nachträglich die ganze Formel mit 2. Beiſpiel: alte Formel HO, neue Formel H.O.

Damit wäre das erledigt, was meines Erachtens im Intereſſe eines fruchtbringenden chemiſchen Unterrichts dem Schüler der Realſchule inbezug auf die hiſtoriſche und logiſche Entwickelung der Begriffe Atom und Molekül zu wiſſen unbedingt nottut. In das Ermeſſen des Lehrers bleibt es dann geſtellt, und von dem Stande der Klaſſe, ſowie von ſonſtigen Umſtänden wird es abhängen, wieviel dem Schü⸗ ler über anderweitige intereſſante theoretiſche Beziehungen(Geſetz von Dulong und Petit, periodiſches Syſtem der Elemente von Lothar Meyer und Mendelejeff, Abhängigkeit der Kryſtallgeſtalt, des Siede⸗ punkts, des Brechungsexponenten vom Molekulargewicht und ſo weiter) mitzuteilen iſt.

3. Die Sage vom Binger Mäuſeturm in ihren geſchichtlichen, litterarhiſtoriſchen . und mythiſchen Beziehungen.

Von Dr. Sigmund Feiſt. 1. Geſchichtlicher Teil.

Von den Sggen, die in deutſchen Landen erzählt werden, iſt wohl keine ſo volkstümlich wie die Sage vom Binger Mäuſeturm. Kaum iſt auch irgend eine ſo oft Gegenſtand eingehender Unterſuchungen geweſen wie gerade dieſe weitverbreitete Erzählung von dem ſchauerlichen Ende des Erzbiſchofs Hatto von Mainz. Aber mag auch die gelehrte Forſchung mancherlei Licht auf den rätſelhaften Kern der Sage ge⸗ worfen haben, ſo harren doch viele und weſentliche Punkte noch immer der Aufklärung, und das Dunkel, das den Urſprung der Sage umgiebt, iſt noch nicht gewichen. Schwankend iſt unter Anderm, ob unter Erzbiſchof Hatto der erſte(891 913) oder der zweite(968 970) dieſes Namens gemeint iſt; unerklärt iſt ferner, weshalb ſich die Sage gerade an den ſog. Mäuſeturm bei Bingen heftete, und zu entſcheiden ibleibt noch, ob die Sage am Rhein ſelbſt entſtanden oder dorthin gewandert ſei, da ſie, wie wir in einem