Aufsatz 
Über die Entwickelung und den Verlauf der Geschichte der fünf deutschen Herzogtümer. Vorträge für die Schule : 1. Teil
Entstehung
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gegen die Nachkommen des großen Otto geweſen wäre, gleichſam als ob es ſeine Gaben an den Lieb⸗ ling erſchöpft habe. Seit jener unheilvollen Nieder⸗ lage, die Otto der Zweite in Kalabrien erlitt, war die Herrſchaft der Kaiſer über die auswärtigen Nationen erſchüttert worden, und die kriegeriſche Kraft und Kampfluſt des deutſchen Adels warf ſich namentlich unter der vormundſchaftlichen Re⸗ gierung Ottos des Dritten auf innere Fehden, und nach dem Tode dieſes Kaiſers, deſſen phantaſtiſche Pläne das Reich in ſeinen Grundfeſten erſchüttert hatten, fiel die kaiſerliche Macht, die bislang wie in einem Erbreich von dem Vater auf den Sohn übergegangen war, an die Wahffürſten zurück. Manche von dieſen mochten wohl ſchon damals daran denken dem Fürſten ihrer Wahl Bedingungen zu ſtellen, die auf eine Schmälerung der kaiſer⸗ lichen Macht hinausliefen. Aber Herzog Heinrich von Bayern, der älteſte Enkel des zweiten Sohnes Heinrichs des Erſten, nahm von dem Reiche als einem Erbgut beſitz. Der erſte Kirchenfürſt und Erzkanzler des Reiches, Erzbiſchof Willigis von Mainz, entſchied ſich für die Beſetzung des Thrones nach Erbrecht, und auch die Fürſten leiſteten nach einigem Sträuben Heinrich den Lehnseid. Das Band, das ſeit Heinrich dem Erſten und Otto dem Großen um die deutſchen Länder geſchlungen war, war zu ſtark, als daß es bei dem Thronwechſel hätte zerriſſen werden können.

Der neue König, Heinrich der Zweite, hatte unſtreitig einen weit ſchwereren Stand dem auf⸗ ſtrebenden Reichsadel gegenüber als die früheren Kaiſer, die durch den unbeſtrittenen Vorzug der Geburt, durch ihre überwiegende Macht und den Glanz der Kaiſerkrone ſich hoch über den Stand der Reichsfürſten erhoben; gleichwohl hat er das deutſche Königtum und damit das deutſche Reich, deſſen Macht unter Otto dem Dritten bedeutend geſchwächt worden war, durch ſein thatkräftiges Regiment neu gefeſtigt und den Gehorſam der Her⸗ zöge und Fürſten erzwungen, und zwar im engſten Bunde mit den deutſchen Kirchenfürſten, die über⸗

all zugunſten der Krone die weltlichen Fürſten be⸗ kämpften. Die fromme Neigung des zehnten Jahr⸗ hunderts hatte Kirchen und Klöſter ungewöhnlich be⸗ günſtigt. Gewaltige Reichtümer waren ihnen von allen Seiten zugefallen. Ihren Reichtum und ihre Macht verwandte nun die deutſche Kirche nach dem Willen des Königs und zur Stärkung der Krone. Die jungen Kleriker aus den vornehmſten Ge⸗ ſchlechtern wuchſen am Hofe in der königlichen Kapelle auf, wurden mit Ergebenheit gegen die Perſon des Königs erfüllt und tief in ſeine Pläne eingeweiht. Aus ihnen wählte der König meiſtens die Biſchöfe und Äbte, die nun ihren geſamten Einfluß weſentlich in den Dienſt des Königs ſtellten. Sie leiſteten Hof⸗ und Kriegsdienſte, beſtritten zum guten Teil den Unterhalt des Hofes und ſteuerten

im Falle der Not, große Geldſummen beiz; ſie waren die erſten Beamten des Königs, ſeine

Miniſter, Feldherrn und Geſandten. Ihnen gegen⸗ über war der weltliche Adel und ſelbſt der Herzog weit zurückgetreten. Die herzogliche Gewalt ſuchte der König auch dadurch zu ſchwächen, daß er den Herzögen gegenüber die Grafen und niederen Herren unterſtützte und den niederen Lehen bisweilen ſchon Erbrecht verlieh. Das war eine für die Stärkung des Königtums äußerſt fruchtbare Politik, die ſchon unter Heinrich dem Zweiten reichliche Früchte zeitigte. Freilich lagen in ihr auch die giftigen Keime zu der verderblichen Saat, die ſpäter für Kaiſer und Reich im Inveſtiturſtreit aufging.

Der große Fortſchritt, den die nationale Ein⸗ heit und die Idee des Kaiſertums gewonnen, zeigt ſich ſonnenklar bei dem Tode des kinderloſen Hein⸗ rich des Zweiten. Bei der Wahl des neuen Königs ſtanden alle Stämme von Verfolgung eines Sonder⸗ intereſſes ab; nur der eine Gedanke beſeelte alle Herzen, dem Reiche ein gemeinſames Oberhaupt zu geben und den Königsthron durch die allgemeine Wahl aller Stämme zu beſetzen. Konrad der Zweite, aus dem Stamme der Franken, Urenkel jenes tapferen Konrad, der auf dem Lechfeld geblutet, und der älteſten Tochter Ottos des Großen, war der Er⸗