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von Lothringen, erhoben die Waffen gegen Otto und ſtürzten das Reich in die ſchlimmſten Ver⸗ wickelungen. In dieſen Kämpfen ſah ſich der König gezwungen ſeine Hauspolitik zum Teil zu ver⸗ laſſen und einige der Herzogtümer wieder ein⸗ heimiſchen Großen anzuvertrauen, die mit den pro⸗ vinzialen und lokalen Intereſſen enger verbunden waren. Hierdurch konnte aber mit der Zeit leicht eine erweiterte Machtentwickelung des Herzogs er⸗ wachſen und dieſe von neuem der königlichen Macht gefährlich werden. Deshalb ſuchte ſich Otto nach einer neuen Stütze um und fand dieſe in einem engeren Bund zwiſchen Reich und Kirche. Er ſuchte ſich der geiſtlichen Gewalten, welche das Zeitalter bei all ſeiner Roheit mächtig beherrſchten, zu be⸗ meiſtern und ſie für ſeine Dienſte zu gewinnen. Die Bistümer wurden mit ergebenen Anhängern des Königs beſetzt, und dieſe nun auf alle mögliche Weiſe auf Koſten des weltlichen Adels vermehrt und gehoben. Über ein Jahrhundert geht die Ge⸗ ſchichte der deutſchen Kirche faſt ganz in die Reichs⸗ geſchichte auf. Das Reichsregiment nahm einen kirchlichen Charakter an, und das Kirchenregiment bekam eine politiſche Richtung. Groß war der Gewinn, den Otto aus dieſer Verſchmelzung der kirchlichen und weltlichen Intereſſen zog. Er ge⸗ wann in den geiſtlichen Fürſten nicht bloß ein ge⸗ waltiges Gegengewicht gegen die Macht der Her⸗ zöge, ſondern es fielen auch die reichen Lehen, mit denen er Biſchöfe und Abte ausſtattete, immer wieder an den König zurück, und dieſer konnte die⸗ ſelben wiederum an Männer verleihen, die ihm unbedingt ergeben ſchienen. Der Krone kam ferner die ganze Summe von Bildung und Viſſenſchaft zugute, die ſich der Klerus erworben hatte, und bei der religiöſen Richtung der Zeit mußte das gute Einvernehmen zwiſchen Kirche und Staat dem letzteren zur Kräftigung gereichen. Beſiegelt wurde dieſes Verhältnis durch die Krönung Ottos zum römiſchen Kaiſer. Die höchſte Stellung in der abendländiſchen Chriſtenheit, die obere Leitung aller chriſtlichen Staaten wurde ihm hierdurch zuteil.
Seltſam und wunderbar war in der That die Geſtaltung der Dinge. In jenen Gegenden, wo
die Macht des römiſchen Reiches eine Schranke
gefunden, wo die Legionen des erſten Auguſtus in den noch ungelichteten Wäldern und unwirtbaren Sümpfen niedergehauen waren, lag der Stammſitz und der Mittelpunkt des neuen Auguſtus. Wo noch vor wenigen Menſchenaltern die Sendboten des römiſchen Biſchofs den hartnäckigſten Widerſtand gefunden und mit ihrem Blut den Boden gefärbt hatten, dort ſaß ein Sproß Widukinds, des letzten Verteidigers des germaniſchen Heidentums, anf dem kaiſerlichen Thron und ſetzte Päpſte ein und ſtürzte ſie. Kein Wunder, wenn der Glanz der Kaiſer⸗ krone Otto eine ſolche Stellung in ſeinem Reiche verlieh, daß ihn ſchon ſeine Zeitgenoſſen Karl dem Großen zur Seite ſtellten; kein Wunder, wenn ein ſolcher Kaiſer auch im Inneren eine Reichs⸗ gewalt herſtellte, die weit ſtärker und gefeſtigter war, als ſie ſein Vater beſeſſen, und niemand mehr mit ihm in die Schranken zu treten wagte. Schien es doch, als ob Otto imſtande ſei die Idee Karls des Großen, die geſamte germaniſch⸗römiſche Welt in ſtaatlicher und kirchlicher Hinſicht zu verbinden, zur Ausführung zu bringen und jenes gewaltige Römerreich wiederherzuſtellen, von dem alle Zeiten hindurch gerade die Beſten geträumt hatten. Unter dem Sohn und Nachfolger des großen Kaiſers, Otto dem Zweiten, konnten ſich die her⸗ zoglichen Gewalten nirgendwo zu irgend einer Be⸗ deutung dem Kaiſertum gegenüber entwickeln. Erſt unter der vormundſchaftlichen Regierung Ottos des Dritten ſchienen die Herzöge wieder ſelbſtändiger zu werden, ja es traren ſogar wieder Wahlherzöge hervor, die ein ganzes Menſchenalter verſchwunden waren. Trotzdem behielt die Idee eines einigen deutſchen Reiches auch unter den ſchwierigen Ver⸗ hältniſſen der Vormundſchaft die Oberhand über alle Sonderintereſſen der Stämme; der Kampf hatte ſich für ein deutſches Königtum entſchieden, und dieſes hätte ſich zweifelsohne zu einem erblichen entwickeln müſſen, wenn nicht das Glück allzu karg
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