ſproßt und zu herrlichen Blüten ſich entfaltet, die Regierung ſeiner ſchwachen Nachfolger aber mit einem Nachtfroſt, der die Triebe des neuen Lebens teils ganz ertötet, teils in der Entwickelung hemmt und ſchwächt. Unter Ludwig dem Frommen, dem ſchwachen Sohn und Nachfolger Karls, wurde in den heilloſen Kämpfen des Kaiſers mit ſeinen eigenen Söhnen die Würde des Kaiſertums be⸗ ſchimpft und der Glanz desſelben getrübt und in folge davon alle Bande, durch welche Karl das große Frankenreich umſchloſſen hatte, gelockert und geſprengt. Die Geſchichte der letzten Karolinger iſt ausgefüllt mit Thronſtreitigkeiten und anderen Kämpfen im Innern des Reiches, die zur wildeſten Anarchie führten, während von außen die erbit⸗ tertſten Feinde des Chriſtentums und aller Kultur, Magyaren und Normannen, ihre furchtbaren An⸗ griffe auf die Staaten des Abendlandes richteten. Wenn damals nicht das ganze nationale Leben der Franken zu grunde ging, ſo zeugt das am beſten von der Feſtigkeit der ſtaatlichen Ordnungen, die Karl der Große gelegt hatte. Die furchtbare Not und Bedrängnis der Zeit trieb zunächſt den freien Mann, deſſen innerſtes Leben bislang in dem Genuß der ererbten Freiheit beruhte, in Abhängigkeit und Knechtſchaft. Es war dem einzelnen Manne nicht mehr möglich die Ehre und das Eigentum ſeiner Perſon und ſeines Hauſes zu wahren, und ſo blieb ihm nichts anderes übrig als Schutz zu ſuchen bei einem Mächtigeren. Dieſem mußte er ſein freies Hab und Gut übergeben und erhielt dasſelbe gegen Zins wieder zurück von ſeinem Lehnsherrn, der nun den Schutz und die Sicher⸗ heit des Mannes übernahm. Die perſönliche Frei⸗ heit verblieb jenem anfangs noch, aber ſie hatte geringen Wert für ihn, da er keine Mittel mehr hatte ſie ſeinem Grundherrn gegenüber zu behaupten, und bald ſank er aus der Zinspflichtigkeit in den Stand der Knechtſchaft, die denjenigen ſofort zu⸗ gefallen war, die in jenen Zeiten mit leeren Händen ſich in den Schutz und Schirm der Großen begeben hatten. Ihnen gegenüber hatten diejenigen noch
eine beſſere Stellung, die im Beſitz der perſönlichen Freiheit als Bewaffnete in den Dienſt der Großen traten, ſowie auch ſelbſt die unfreien Dienſtleute des Adels und der Geiſtlichkeit— Miniſteriale genannt—, die von der Gunſt ihrer Herren oft die ſtattlichſten Lehen erhielten. Obendrein ſuchten die Großen des Landes die Unſicherheit der Ver⸗ hältniſſe für ihre Intereſſen auszubeuten und ſtürzten ſich aus Herrſchſucht und Habgier von Fehden zu Fehden. Sofort trat auch die Ver⸗ ſchiedenheit der Stämme wieder hervor, welche das Karolingiſche Königtum aufzuheben ſich bemüht hatte, und dazu hatten die ſeit Ludwig dem Frommen wieder eingeführten Reichsteilungen außerordentlich viel beigetragen. Das oſtfränkiſche Reich zerfiel in die Teile, aus denen es gebildet war: Bayern, Schwaben, Sachſen mit Thüringen, Franken und Lothringen ſtanden wieder als faſt ſelbſtändige Länder da, die ohne Schutz von ſeiten des König⸗ tums bei den inneren und äußeren Kriegen ſich ihr Oberhanpt ſuchten in dem ſtärkſten und mäch⸗ tigſten Herrn im Lande, für den ſich dann der altehrwürdige Name Herzog von ſelbſt darbot. Unter dem Drang der Not gewann jetzt der Herzog alle Regierungsgewalt, die bisher in den Händen der Könige geweſen war, ohne daß dieſelbe durch Geſetz und Herkommen geregelt geweſen wäre. Dieſe herzogliche Macht bildete ſich im Gegenſatz zum Königtum, das dieſelbe nur geſtattete, weil es ſie nicht hindern konnte; im Widerſtreit mit den Biſchöfen, die ſchon um der Einheit der Kirche willen an der Einheit des Reiches feſthielten und nicht ſelbſt in eine gedrückte Stellung zum welt⸗ lichen Adel kommen wollten; endlich in lang⸗ wierigen Kämpfen der edlen Geſchlechter unter einander, die in den einzelnen Ländern um den Vorrang ſtritten. Seine Kraft erhielt das Herzog⸗ tum zum größten Theil aus dem niederen Volke, das in demſelben ſeine Stütze ſuchte und fand. Von ſeiner Volkstümlichkeit zeugen jene Sagen und Lieder, in denen der Kampf der Herzöge mit ihren Gegnern beſungen iſt, die ſtets gegen die


