Aufsatz 
Über die Entwickelung und den Verlauf der Geschichte der fünf deutschen Herzogtümer. Vorträge für die Schule : 1. Teil
Entstehung
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Karl der Große, eine mit ſeltenen Vorzügen reich begabte Natur, der den erſten Fürſten aller Zeiten un⸗ bedenklich an die Seite zu ſetzen iſt, ſtellte ſich die ſtaat⸗ liche und kirchliche Einigung des Abendlandes im Bunde mit der Kirche als ſein höchſtes Ziel und vernichtete demgemäß jede ſelbſtändige Macht, die ſich im Reiche neben dem Königtum zu behaupten wagte. Den erblichen Herzogtümern Aquitanien und Bayern, die noch immer einigen Widerſtand geleiſtet, wurde völlig ein Ende gemacht, und in der Unterwerfung des letzten freien deutſchen Stammes, der Sachſen, erkannte er die Hauptaufgabe ſeiner Regierung. Jene Nachkommen der alten Cherusker,ganz vom Eiſen ihrer Berge, ganz vom Holze ihrer Eichen, die einſt Armin gegen Roms Legionen ſiegreich geführt, verloren in einem dreißigjährigen erbitterten Kampf gegen die Übermacht ihren Glauben und ihre Freiheit. Erſt jetzt war es Karl gelungen, die Selbſtändigkeit der Volksgemeinde für immer zu brechen und jene frei aufſtrebenden Elemente, welche niemals einen ganzen Herrſcher dulden wollten, ſich dauernd dienſtbar zu machen. Schon konnte es der König wagen die freiheitsſtolzen Germanen⸗ ſtämme unter ein allgemeines Reichsrecht, Kapitularien genannt, zu beugen, ein Rieſenſchritt in der Ent⸗ wickelung des deutſchen Geiſtes. Höchſt bedeutſam für die Einigung der deutſchen Stämme war auch die Herſtellung des abendländiſchen Kaiſertums, indem Papſt Leo III. am Weihnachtsfeſte des Jahres 800 Karl dem Großen als Kaiſer der Römer die goldene Krone auf das Haupt ſetzte. Der Gedanke an das große Römerreich, das bis ans Ende der Welt alle Völker umfaſſen ſollte, war in der chriſtlichen Zeit durchaus nicht erſtorben, ſondern vielmehr da⸗ hin ausgelegt, daß alle Bekenner Chriſti zu einer großen Gemeinſchaft verbunden werden ſollten. Durch den Glauben an die eine chriſtliche Kirche wurde ſo auch der Glaube an die Einheit des chriſtlichen Staates genährt und allen Anhängern des katholiſchen Glaubens mitgeteilt. In dem vom Papſt gekrönten Kaiſer erblickte man nun das von Gott geſetzte Oberhaupt der Welt, dem jede andere weltliche

Macht, Könige, Fürſten und Herren, ſich unbedingt unterordnen mußte. In ihm verband ſich eine Menge von Rechten, wie ſie noch kein deutſcher Fürſt vorher beſeſſen hatte. Wie er auf die Ver⸗ waltung der Kirche einen außerordentlichen Einfluß ausübte, ſo ging die Regierung des Staates ganz von ihm aus. Er iſt der Oberbefehlshaber über den ganzen Heerbann und ernennt die Herzöge für die einzelnen Teile des Heeres; er iſt der höchſte Richter, an den jedermann appellieren kann, und er richtet allein über die Großen des Reiches. Er ernennt die Grafen für den Heer⸗ und Gerichtsbann der einzelnen Grafſchaften und beſtimmt die Send⸗ boten zur Beaufſichtigung dieſer Beamten. Nur für die Staatsgeſetzgebung zieht er die Reichsver⸗ ſammlung, die aus allen weltlichen und geiſtlichen Großen beſtand, zu Rate, und dieſe erſcheinen ſo neben dem Kaiſer nur als ſeine Ratgeber und als Vollſtrecker ſeiner Befehle. Den Dienſtadel, der ſich unter den ſchwachen Merovingern zu einer erb⸗ lichen Ariſtokratie ausgebildet hatte, drückte Karl ausnahmslos zu Vaſallen der Krone herab und ſorgte eifrig dafür, daß ſich das Band zwiſchen Kaiſer und Vaſallen nicht lockere und die verteilten Lehen nicht in Eigentum verwandelt würden. Der Stand der freien Männer blieb auch in Karls Reich die breite Unterlage des Staatslebens, und der Kaiſer war eifrig darauf bedacht, die Freiheit und Unabhängigkeit dieſes Standes, inſoweit es ſich mit den Intereſſen der Krone vertrug, zu wahren und ſeinen Wohlſtand auf alle mögliche Weiſe zu fördern. Dagegen unterſagte er ihm alle Fehde und Selbſt⸗ hilfe und gebot ihm im Frieden die Waffen nieder⸗ zulegen.

So tief und gewaltig aber auch die Einrich⸗ tungen des großen Kaiſers in das innere Leben des Volkes einſchnitten, ſo konnte doch ſeine ſtaat⸗ liche Ordnung zu ſeinen Lebzeiten noch nicht der⸗ artig die ganze Weite des Reiches durchdringen, daß ſie für alle Zeiten geſichert geweſen wäre. Gieſebrecht vergleicht die Regierungszeit Karls des Großen mit dem Frühling, wo alles treibt und