und Goten. In dieſen größeren ſtaatlichen Vereinen waren die kleineren Stämme zuſammengeſchloſſen durch ein feſtes Band, das nicht wieder gelöſt wurde. Es war zwar auch diesmal gewiß vielfach der Drang der Not geweſen, der Gau mit Gau verbunden, gleichzeitig aber auch die Luſt ſich in den Kampf mit dem Römerreich zu ſtürzen. Naturgemäß kam in ſolchen Zeiten auch die königliche Gewalt immer mehr auf und erſtarkte zu einer vorher nie gekannten Bedeutung. Über der Gaugemeinde erhob ſich jetzt die große Landesgemeinde, die entweder alle freien Männer der vereinigten Gaue umſchloß oder doch wenigſtens von Abgeordneten derſelben beſchickt wurde zur Ordnung und Entſcheidung der allgemeinen Landesangelegenheiten. Es war ein großer Fort⸗ ſchritt in dem ſtaatlichen Leben der Deutſchen ge⸗ ſchehen; anſtelle der kleineren Gaue war eine höhere allgemeine Ordnung getreten, und bald ſollte es ſich zeigen, welche ungeahnte Kraft aus dieſer Einigung erwachſen war. Kurz nach jener denk⸗ würdigen Feier des tauſendjährigen Beſtandes Roms fielen von allen Seiten die germaniſchen Völker⸗ vereine in das römiſche Reich ein, und wenn ſie auch zeitweilig von tapfern Kaiſern zurückgetrieben wurden, ſo ſchien doch die letzte Stunde des Reichs gekommen zu ſein. Da rettete Diokletian durch die größte Vereinigung aller Macht in der Hand des Herrſchers den verfallenen Staat, und Konſtantin vollendet das Begonnene. Aber der Sieg der Germanen über Rom wurde ſo nur für ein Jahr⸗ hundert aufgehalten, nicht für immer unmöglich gemacht. Die Völkerwanderung, jene gewaltigſte aller Umwälzungen, die Europa jemals erlebt, führte fremde Völker in den Oſten und Norden Deutſch⸗ lands und zwang die früheren Bewohner ſich im Weſten und Süden neue Wohnſitze zu ſuchen. Jetzt wurden auf allen Seiten die faſt wehrloſen Grenzen des römiſchen Reiches von deutſchen Kriegerſcharen überſchritten, und die ſchönſten und reichſten Länder
des eroberten Staates fielen den Deutſchen als Beute in die Hände. Rom fand ſeinen Untergang, und
an der Zerſtörung des Reiches, einer der größten
und folgenreichſten Thaten der Deutſchen in der Ge⸗ ſchichte, haben faſt alle Stämme teilgenommen.
Bei dieſen Wanderungen und Eroberungen gingen
aber die bedeutendſten politiſchen Umgeſtaltungen vor ſich. Zunächſt ſpalteten ſich die vier Völker⸗ vereine wieder in mehrere Teile. Wir finden ſaliſche und ripuariſche Franken, bei den Sachſen: Weſtfalen, Oſtfalen und Engern, und namentlich der gotiſche Stamm, der ſchon unter erblichen Königen in ſtaat⸗ licher Einheit geſtanden, zerfällt zum Teil wieder in die früheren Stämme, und Weſtgoten und Oſt⸗ goten treten als zwei verſchiedene Völkerſchaften auf. In dem eroberten Lande inmitten der Römer blieben indes die Gaugenoſſenſchaften und Hundert⸗ ſchaften beſtehen und erhielten die Eigentümlichkeit der alten Verfaſſung, die auch im Innern Deutſchlands ungebrochen fortlebte, und mit ihr den alten Frei⸗ heitsſinn. Trotzdem war die königliche Macht ſo⸗ wohl während der Wanderungen als auch namentlich nach der Eroberung der fremden Länder immer mehr gewachſen; ohne eine machtvolle Perſönlichkeit an der Spitze des Staates war jede Herrſchaft auf die Dauer unmöglich, und von jetzt ab war das Königtum mit dem ganzen Sein und Weſen dieſer Völker aufs engſte verwachſen. Schon ſtehen die höchſten Strafen auf der Mißachtung des könig⸗ lichen Gebots, und jede Verletzung der geheiligten Perſon des Königs zieht den Tod des Schuldigen nach ſich. Der erhöhte Glanz des Königtums ging auch auf ſein Gefolge über; reichlichere Schenkungen an Geld und Land belohnten diejenigen, welche in den perſönlichen Dienſt des Königs traten. Es entſtand ein Hofſtaat nach dem Muſter des römiſchen; der Marſchall, Kämmerer, Truchſeß und Mundſchenk erhielten neben dem Reichskanzler und Pfalzgrafen, deren Stellung den römiſchen Einrichtungen nach⸗ gebildet war, ihren Platz. Es bildete ſich ein Hof⸗ und Dienſtadel, welcher die Heere des Königs führte und die Verwaltung in ſeinem Reiche leitete.— Gewaltige Thaten waren durch die germaniſchen Völker vollbracht; die Heldenlieder der früheren Zeit verklangen früh, ſelbſt Armins Name kam in


