Aufsatz 
Über die Entwickelung und den Verlauf der Geschichte der fünf deutschen Herzogtümer. Vorträge für die Schule : 1. Teil
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Intereſſen der einzelnen Perſon der Geſamtheit zum Opfer gebracht werden müſſen, als ſie in den gewaltigen Kampf mit dem Römerreich eintraten, in dem ſich die Kräfte der Nation im großen Ringen um die Freiheit mehr und mehr einigen ſollten. Vor dem furchtbar dahinſtürmenden Kriegs⸗ wetter der Cimbern und Teutonen hatte Rom Jahre lang gezittert, aber ſchließlich die gefürchteten Feinde völlig vernichtet. Cäſars Siege in Gallien führten ihn zweimal über den Rhein, aber der ſonſt ſtets auf ſein Glück vertrauende Feldherr wagte nicht mit den Germanen in ihren Wäldern zu ſtreiten. Sein Erbe und Nachfolger Auguſtus nahm den Krieg wieder auf, und Druſus ſchien wirklich in vier ſiegreichen Feldzügen der römiſchen Herrſchaft in Deutſchland die Bahn gebrochen zu haben. In der That wußte es der ſchlaue Tiberius, der ſeinem Bruder Druſus im Oberbefehl gefolgt war, durch Liſt, Beſtechung und alle erdenklichen Verführungs⸗ künſte dahin zu bringen, daß man es ſchon wagen durfte das Land zwiſchen Rhein und Elbe als römiſche Provinz einzurichten. Varus, von Lik⸗ toren, römiſchen Juriſten und Schreibern umgeben, zog im Lande umher und ließ dem freien Germanen eine Behandlung angedeihen, die ihn in jedes freien Mannes Augen ſeinem Knechte gleich ſtellte. Damals, als die germaniſche Freiheit in den letzten Zügen zu liegen ſchien, kam zum erſtenmal in dem Deutſchen das Gefühl auf, daß es eine große, gemeinſame Sache gebe, für die alle Stämme in enger Ver⸗ einigung einzutreten hätten, und der Bund der Cherusker, Brukterer, Marſen und Chatten unter Armins Führung koſtete Rom ſein beſtes Heer und rettete Germaniens Freiheit. Des Tiberius Politik lief nach den ruhmvollen, aber erfolgloſen Zügen des Germanikus darauf hinaus, die ger⸗ maniſchen Stämme ihren innern Zwiſtigkeiten zu überlaſſen, und er hielt daran feſt, obgleich Mar⸗ bods gewaltige Herrſchaft durch Armin geſtürzt wurde und dieſer ſelbſt der Hinterliſt ſeiner Ver⸗ wandten erlag. Die erſte gemeinſame That der deutſchen Stämme hatte Roms Weltherrſchaft eine

unüberſteigliche Schranke geſetzt. Zufrieden hiermit überließen ſie ſich wieder ihrem alten Zwieſpalt, und noch zwei volle Jahrhunderte ſollte es dauern, bis ihr ſpröder Sondertrieb ſich erweichen ließ und neue Gefahren und neue Drangſale das deutſche Volk zur Einigkeit und Macht führen ſollten. Es fällt in dieſe Zeit die ſchönſte Periode der römiſchen Weltherrſchaft, in der ſich ſeit Trajan und ſeinen ausgezeichneten Nachfolgern der Glanz und die Segnungen dieſer reichſten Herrſchaft, die die Welt je geſehen, aller Blicken darbot. Die deutſchen Stämme an der Grenze des Reiches ließen ſich zum Teil von dem Glanz der Weltmacht blenden und entwöhnten ſich der angeſtammten Freiheit unter den Vorteilen und Genüſſen, welche ihnen dargeboten wurden; es beſtand eine große Gefahr, daß auch die Germanen in ihren alten Sitzen dem übergewicht des Römertums unterliegen würden. Doch dieſes jugendliche Kriegervolk fühlte ſich in ſeiner Freiheit trotz Dürftigkeit und Beſchränktheit glücklicher, als in dem blendenden Glanze römiſcher Sklaverei, und bewahrte ſeine Unabhängigkeit. Mit Mark Aurel endete die ſchönſte Epoche des römiſchen Reiches. Schon unter ſeiner Regierung waren zahlreiche deutſche Stämme, aus ihren öſtlichen Sitzen an der Weichſel und Oder von den Slawen ver⸗ trieben, in das römiſche Reich eingefallen und hatten ſelbſt dem tapfern Mark Aurel ihre voll⸗ ſtändige Beſiegung unmöglich gemacht. Sein feiger Sohn und Nachfolger Kommodus mußte mit ſchweren Opfern den Frieden erkaufen und den Feinden Länder und Wohnſitze im eigenen Reiche anweiſen. Roms Schwäche war offenbar geworden, und der Glanz und Reichtum dieſes Staates, der vordem des Germanen Sinn bezaubert und ihn in den fremden Dienſt getrieben, lockte jetzt zu Angriffen an, die reichen Gewinn verſprachen. In dieſe Zeit fällt eine der bedeutendſten Umgeſtaltungen im ſtaatlichen Leben unſrer Vorfahren. Die alten Namen ver⸗ ſchwinden größtenteils, und fortan treten anſtelle der früheren zahlreichen Stämme vier geſchloſſene Völkerſchaften auf: Franken, Sachſen, Alemannen