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in deren Hintergrund sich die Talwände kulissenartig gegeneinander vorschieben, bis eine Schnee oder Gletscher tragende Mauer dem weiteren Verlauf der abra ein scheinbares Ende setzt.“ Aus der Breite der abra kann aber noch kein sicherer Schluß auf die Längenentwicklung des Stromes gezogen werden; doch verengert sie sich bei den kleineren Flüssen sehr bald, während sie sich bei den großen Haupt- strömen durch die ganze Andenmasse bis zum patagonischen Tafelland hinzieht.
Auffallend ist die große Ahnlichkeit in dem Bau der Köordillerentäler. Die großen gehören nach der Bezeichnung von Richthofen zur Klasse der Durchgangs- täler. Die Ffaupteigenschaften sind allen westpatagonischen Tälern gemeinsam. Ein solch typisches Flußtal ist das des Rio Puelo, in dem sich die charakteristischsten Züge vereinigt finden. Alle nach dem Pazifischen Ozean durchbrechenden Flüsse haben tief eingeschnittene Erosionstäler, deren Anlage entlang den tektonischen Linien des primären Andensystems erfolgt ist. Die Erosion, die infolge des Niederschlagsreichtums an der patagonischen W-Küste und der daraus resultierenden großen Wassermenge selbst kleinerer Flüsse eine außerordentliche Kraft besitzt, hat tiefe Rinnen quer durch die gewaltigsten Andenketten gelegt, sodaß die Talsohle eine auffallend geringe Höhe hat. So erreicht der Rio Cisnes erst in einer Entfernung von 100 km von der Küste eine Höhe von nur 600 m*). Der vom Rio Puclo durch- flossene Lago Superior, der, auf der O-Seite der Anden gelegen, eine Entfernung von ca. 90 km von der Mündung dieses Flusses besitzt, hat eine Höhe von nur 230 m.
Die große Menge des von den Fliissen transportierten Materials führt deshalb zur Entstehung von Sandbänken in den Teilen des Flußlaufes, in denen das Gefälle gering ist, und der Fluß langsam fließt, oder von Sandbarren an der Mündung. Die Flußschiffahrt wird dadurch in hohem Maße behindert, da die Bote mühsam ihren Weg durch die engen Kanäle zwischen den Sandbänken hindurch suchen müssen. Fast bei allen Flüssen bildet der Unterlauf eine kurze Strecke glatten und sanften Wassers. Dann folgen Stromschnellen, die durch Anhäufung von Gerölle und Baum- stämmen verursacht werden, zwischen denen der Fluß stürmisch hindurchschießt. In verhältnismäßig geringer Entfernung von der Mündung häufen sich diese Hinder- nisse derart, daß infolge der starken Strömung und einer Reihe von Wasserfällen die Schiffahrt stromaufwärts äußerst gefährlich, ja ganz unmöglich wird. Die Tal- wände, die meist durch den Bestand von dichtem Unterholz(Bambusgestrüpp, Quila Chusquea in den küstennahen Teilen der Täler, weiter landeinwärts und von 47⁰ 8 an durch die Rohrdickichte von Chusquea Coligué ersetzt) äußerst unwegsam sind, dtreten sehr eng zusammen. Die Uferwände fallen außerordentlich steil direkt zum Flusse ab. So entstehen tiefe Schluchten. Die des Rio Futaleufu hat z. B. eine Breite nur von 6—7 m**). Ein typischer Zug der großen patagonischen Durchgangs- täler ist der stete Wechsel zwischen solchen Engen(angosturas) und beträchtlichen Erweiterungen(die Llanadas des Puelo-Tales), welche ausgedehnten Anschwemmungen oder Seen Raum geben. Bemerkenswert sind auch in vielen Tälern die Kieswälle oder Terraplenes, wie sie besonders im Puelo-Tale, das sie mit Unterbrechungen bis in die Quellenregion begleiten, ausgeprägt sind. Sie finden sich außerdem in den
*) N. Steffen, Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde. Berlin 1900 No. 4 p. 215. **) Ch. Rabot, Le conflit chilo-argentin... in La Géographie, Bulletin de la Société de Géographie 1901 Nr. 4 p. 272.


