Aufsatz 
Über die Formen der Medialfunktion bei dem gotischen Verbum / [C. Chr. Wagner]
Entstehung
Einzelbild herunterladen

9

gotischen Worte für dasselbe griechische. Sollte er dabei nicht auch Freiheit in der Wahl des Genus Verbi sich genommen haben?

Aus Vorstehendem erhellt, dass, zu Ulfilas' Zeit der gotischen Passiv- form Medialfunction zuzuweisen, keine nöthigenden Gründe vorzuliegen scheinen. Ein Medium, das in so wenig Belegen bei verhältnissmässig so grossem Sprachschatze sein Dasein fristen soll, würde auch der gotischen Sprache eher den Character der Unvollkommenheit als der Vollkommenheit aufprägen. Doch gänzlich verschwinden konnte die Form der Medialfunction nicht. Theils trat sie selbständig ausserhalb des Verbums auf, theils rückte sie aus der Endung weiter vor, indem sie entweder zwischen Stamm und Affix sich einstellte, oder zwischen Praefix und Stamm wenn auch nicht mehr verkörpert vorhanden so doch geistig supplierbar ist.

II.

Die Medialſunction ausgedrückt durch den Accusativ oder Dativ des Reflexivpronomens.

Als im Gotischen das Activum auf Kosten der Mediopassivform die Herrschaft immer mehr und mehr an sich riss, trat die Nothwendigkeit ein, das in der mediopassiven Endung liegende Reflexivpronomen, wodurch die Thätigkeit in irgend eine nähere oder entferntere Beziehung zu dem in dem Verbum liegenden Subject gesetzt wurde, durch eine je nach Bedürfniss mehr oder weniger starke, feste Form auszudrücken. Am bestimmtesten wurde eine solche Beziehung durch das Reflexivpronomen wiedergegeben. Als eine Art Beweis kann gelten, dass der Gothe, die Grundbedeutung des griechischen Mediums, nemlich die Reflexivfunction, wohl erkennend, nicht selten das griechische Medium durch das Activum mit dem entsprechenden Reflexiv- pronomen wiedergegeben hat, und zwar

a) mit dem Accusativ dieses Pronomens. Zu den in der Ulfilaausgabe von Gab. u. L.(II. p. post. p. 142) aufgeführten Belegen hierfür fügen wir noch folgende: suvᷣανιινννυννꝙ? 3jataugidedum sik, Mtth. 27, 53, 6 un Tαην

galesun sik Mc. 4, 1; Lc. 17, 37; 8πη εραᷣᷣ muen Seu sik. Mc. 5, 30; 2