Aufsatz 
Über die Formen der Medialfunktion bei dem gotischen Verbum / [C. Chr. Wagner]
Entstehung
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glaubt dadurch einen hinreichenden Beweis für diese Ansicht gegeben zu haben, dass er, auf den im Gotischen öfter vorkommenden Wechsel von au und o sich stützend, sagt:das au steht hier statt o, d. h. in älterer Periode a, wie auch in der I. ps. sg. conj. Dass aber au hier bloss graphische Schreibung für o sei, ist durchaus nicht nachweisbar. Auch Westphal (a. a. o.) vermuthet, dass jene Formen Imperative Activi seien. Das lüngere sich Verbreiten über den im Gotischen stattfindenden Wechsel von aus- lautendem au und u halten wir nicht für massgebend, da wir kein Analogon einer Correspondenz eines got. au und eines skr. u(in der activen Impera- tivendung-ktu,=ntu) kennen.

Auch wir sind der Ansicht, dass jene Formen Imperative Activi, nicht Medii seien. Um hierfür unsere Gründe etwas genauer angeben zu können, zugleich auch dass der nicht comparativo-linguistisch gebildete Leser sich ein Urtheil über dieselben bilden könne, sei es erlaubt, unsere Ansicht im Allgemeinen über die ursprüngliche Entstehung der Formen für den Imperativ in Kürze, soweit es unumgänglich nöthig ist, einzuflechten.

Der Imperativ drickt einen Affect in Gestalt eines potenzierten Ausrufs aus; er muss enthalten die Erregtheit des ihn Aussprechenden, die Verbalthätigkeit und endlich die Person, auf welche sich die Willensäusserung erstreckt. Dieser seiner Natur nach könnte er ausgedriickt werden: 1) durch Hervor- heben der blossen Verbalthätigkeit mit starker Stimme: diess würde der Fall sein, wenn kein Zweifel obwaltete in Betreff der angeredeten Person (laufen!); 2) durch mehrmaliges Setzen der Verbalthätigkeit ohne gesteigerten Aufwand der Stimme(laufen! laufen!) ³): auch hier dürfte kein Zweifel sein, auf welche Person sich der Affect bezieht; sie könnte etwa durch eine Pantomime angedeutet werden; würde auch hier die Stimme gesteigert, so wäre damit ein grösseres Interesse des Befehlenden kund gegeben, dass die im Verbum liegende Thätigkeit in's Leben trete; endlich 3) durch einmaliges Setzen der Verbalthätigkeit mit einmaliger stark betonter oder mehrmaliger in gewöhnlichem Tone gehaltenen Angabe der Person. Hierbei haben wir noch zu zeigen, dass durch die mehrmalige Setzung eines Begriffs eine Ver-

1) Vgl. Pott, Doppelung p. 50. Hiernach wird im Othomi der Imperativ durch Wieder- holung der Wurzel ausgedrückt, z. B.:-te= thun, thun= thue! tο-= berühren, berühren = berühre!

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