Aufsatz 
Die politischen Beziehungen zwischen den Fürsten von Brandenburg und Hessen-Kassel bis zum Anfange des dreissigjährigen Krieges nach archivalischen Quellen dargestellt / von Gustav Wachenfeld
Entstehung
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lichen Politik die Spitze zu bieten. Heinrich IV. hielt den Zeitpunkt für günstig, durch Unter- stützung der Protestanten in Deutschland die habsburgische Macht zu brechen und so einem großen Religionskriege zuvorzukommen. Er schickte Truppen an den Rhein, um die Öster- reicher aus den Jülichschen Landen zu vertreiben, und war gerade im Begriffe, zu seiner Armee abazureisen, als er, mit großen Plänen über die Umgestaltung Europas beschäftigt, in der schmalen Rue de la Ferronnerie zu Paris am 14. Mai 1610 durch Ravaillac ermordet wurde. Die Jesuiten freuten sich über diesen neuen Königsmord; ja der spanische General Spinola soll sogar schon vor der Unthat geschrieben haben:On fera la guerre en coche¹).

Niemand aber war betrübter über dieses Ereignis als der Landgraf, wie seine Briefe an Villeroy, Sillery, Bouillon und Sully beweisen.

Der Kampf zwischen dem Erzherzoge Leopold und den Jülichschen Prätendenten, Brandenburg und Pfalz-Neuburg, hatte zwar bereits begonnen, dennoch gab man sich alle Mühe, einem europäischen Kriege vorzubeugen.

Noch am 15. Mai 1610 waren beide Parteien durch die in Prag versammelten geist- lichen Kurfürsten, die Erzherzöge von Osterreich und den Landgrafen Ludwig von Hessen-Darm- stadt, welche zugleich Köln als neutralen Konventsort zur gegenseitigen Verständigung vorschlugen, aufgefordert worden, die Waffen niederzulegen und die kaiserliche Entscheidung abzuwarten.

Am 31. Juli 1610 erließ Kurfürst Christian II. von Sachsen aus Prag ein gedrucktes Schreiben an die Jülichschen Landstände, worim er ihnen mitteilte, daß S. Majest. der Kaiser ihn(den Kurfürsten von Sachsen) als den rechtmäßigen Successor mit den Jülichschen Landen insgesamt belehnt und in Lehnpflicht genommen habe. Es werde auf Grund dessen gehofft, daß die Bewohner der Jülichschen Lande dem Folge leisteten undalle widrigen zumutt: und einbildungen ablehnen werden, wogegen ihnen ihre alten Privilegien, Freiheiten und Religions- übungen zugesichert würden.

Der Landgraf, vom Kurfürsten von Brandenburg um Hülfe gegen Sachsen, welches sich der katholischen Liga anschließen wollte²), angegangen, verweigerte zwar dieselbe wegen seiner nahen Beziehungen zum Hause Sachsen, die ihm nicht erlaubten, aus seiner Vermittler- rolle herauszutreten, verbürgte sich aber, nachdem er selbst schon 80,000 Gulden für die Union gezahlt hatte, für eine Anleihe von weiteren 80,000 Gulden, welche die Union bei der Stadt Nürnberg machte?)(21. Oktober 1610), um nach Eingehung eines Waffenstillstandes die Trup- pen zu entlassen.

Am 1. September 1610 waren mit ftanSsischer niederländischer und englischer Hülfe die Truppen Leopolds aus der Festung Jülich vertrieben und die Jülichschen Lande den Fürsten von Brandenburg und Pfalz-Neuburg übergeben worden. Schon rüsteten der Erz- herzog Leopold und die Liga von neuem, als, hauptsächlich durch Vermittlung des Landgrafen, zwischen der Liga und der Union, die beide an Geld erschöpft waren, jener Waffenstillstand zustande kam. Aber damit war der Jülichsche Erbfolgestreit noch nicht entschieden. Man hatte nur vorerst verhütet, daß die Jülichschen Lande durch Gewalt an das Haus Habsburg fielen. Wer sie nun erhalten sollte, war noch eine offene Frage.

¹) Rommel VII, S. 311. ²) Rommel VII, S. 312. ³) Rommel VII, S. 314.