Aufsatz 
Die politischen Beziehungen zwischen den Fürsten von Brandenburg und Hessen-Kassel bis zum Anfange des dreissigjährigen Krieges nach archivalischen Quellen dargestellt / von Gustav Wachenfeld
Entstehung
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fallen, beginnen, wie wir sahen, eigentlich erst mit der Thronbesteigung der Hohenzollern(1415) und sind aus den persönlichen Verhältnissen der beiden verschwägerten Fürstenhäuser zur Zeit der Burggrafen Friedrich V. und VI. von Nürnberg in der zweiten Hälfte des 15. Jahr- hunderts hervorgegangen. Aus den Familienverbindungen entstanden Staatenbündnisse, welche durch die Erbverträge ihre Sanktion erhielten und je nach der Stellung der Fürsten zu den großen Fragen ihrer Zeit bald lockerer, bald fester wurden.

Durch Sachsens Vermittlung wurde Kurbrandenburg in die Erbverbrüderung zwischen Sachsen und Hessen aufgenommen(1457), und seit jener Zeit wurde bei allen wichtigen Staats- aktionen an die Erbverträge erinnert. Sie sind es, welche bis zur Reformation den Hauptbe- weggrund gemeinsamen Handelns abgaben.

Die religiöse Differenz der auch sonst so verschiedenen Fürsten Brandenbulgs und Hessen-Kassels während des 16. Jahrhunderts konnte nicht ohne Einfluß auf ihre Politik und ihre politischen Beziehungen bleiben. Ein so zäher Katholik wie Joachim I. konnte mit einem Philipp dem Großmütigen, und ein in allem so schwankender Fürst wie Joachim II. konnte mit einem so festen und entschiedenen Wilhelm dem Weisen von Hessen nicht harmonieren, wie andererseits dieser hochbegabte und aufgeklärte Landgraf, ein philosophischer Kopf in des Wortes bester Bedeutung, von einem so kurzsichtigen und in seine lutherische Orthodoxie so verrannten Kurfürsten, wie Johann Georg von Brandenburg, wenig verstanden wurde.

Während dieser Zeit der religiösen Differenzen waren wieder die Erbverträge es besonders gewesen, welche das alte Band zwischen den beiden Fürstenhäusern erhalten und

befestigt haben.

Unter Joachim Friedrich begann das Verhältnis Brandenburgs zu Hessen- Kassel wieder freundschaftlicher zu werden, bis es unter Johann Sigismund und dem Landgrafen Moritz den Kulminationspunkt erreichte. Die Seele ihres gemeinschaftlichen Handelns war, wie die Akten zeigen, Landgraf Moritz, der dritte hochbegabte hessische Fürst seit dem Beginne der Reformation. Er unterstützte den Kurfürsten Johann Sigismund in seiner auswärtigen Politik, er bewog ihn, zur reformierten Kirche überzugehen und in die Union einzutreten, er brachte ihn in Beziehungen zu Heinrich IV. von Frankreich und zu Gustav Adolf von Schweden, er trieb ihn an, gemeinschaftliche Sache mit denen zu machen, welche mit der kaiserlichen Politik unzufrieden waren, und auf der Hut zu sein gegen diePraktiken der Jesuiten und der Spanier.

Wer in jenem Jahrhunderte von der Reformation bis zum qreiſigjährigen Kriege (1517 1618), die Führerrolle unter den drei erbverbrüderten Staaten in Deutschland gespielt hat, dürfte hiernach kaum zweifelhaft sein.

Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ist dies anders geworden. Da stieg Brandenburg durch den großen Kurfürsten zu einer Höhe hinan, auf welcher es das kleine Hessen-Kassel natürlich weit hinter sich ließ. Aber neidlos hat letzteres Brandenburgs resp. Preußens Bestrebungen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts unterstützt, wo Hessens letzter Kurfürst sich vom alten Bundesgenossen trennte, um sich zu seinem eigenen Schaden ganz an Osterreich anzuschließen.