Aufsatz 
Über das Verhältnis der Rede Isokrates peri antidoseos zu Platos Apologie des Sokrates
Entstehung
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Fiktion einer gerichtlichen Verteidigungsrede zu thun haben und daß vielmehr des Redners Hauptzweck war, die Offen tlichkeit über seine rhetorische Thätigkeit aufzuklären. Was also diesem Zwecke entSPrach, mußte in die Fiktion aufgenommen werden. Es ist wohl ohne weiteres zuzugeben, daß in dem wirklichen Prozeß über den Vermögenstausch vom Kläger nebenbei auch die Anschuldigung gegen Isokrates erhoben wurde, daß sein Unterricht die Jugend verderbe. Diesen Punkt, der in dem Prozesse wohl nur eine nebensächliche Rolle SPielen konnte, griff Isokrates auf und machte ihn zum Thema der ganzen Rede, da ihm dadurch die gewünschte Gelegenheit geboten war, in seiner Verteidigung gegen diese Verdächtigung eine positive Darstellung seines standpunktes in allen oben genannten Fragen zu geben.

Es fragt sich nun, warum er jenen anderen Vorwurf, welcher im wirklichen Prozeß natürlich in den Vordergrund trat, daß er nämlich durch seinen Unterricht eine außerordentlich große Zahl von schülern angelockt und ein unverhältnismäßig großes Vermögen sich erworben habe, in unsere Rede aufgenommen hat, da dies doch mit dem Thema, worüber er SPrechen wollte, in keinem engeren Zusammenhang stand und sich dagegen auch nichts stichhaltiges einwenden ließ. Offenbar hat Isokrates den fingierten Ankläger in seiner Rede deshalb die Menge der schüler betonen lassen, damit ihm Gelegenheit geboten sei, eine Verteidigung des kurz vorher gestorbenen Timotheus, seines liebsten schülers, einzuflechten. Der andere Punkt, welcher sein Vermögen betraf, verschaffte ihm die Möglichkeit, in den weit schichtigen stoff, welchen er zu behandeln hatte, wenigstens einigermaßen Abwechslung zu bringen. Denn wenn bloß die Anklage wegen des schädlichen Einflusses auf die Jugend das Thema bildete, so mußte die Rede zu einer langen, die Leser unangenehm berührenden Lobpreisung seiner eigenen Bered samkeit ausarten, nachdem einmal die Klage widerlegt war. Das suchte er aber gerade, wie er in der Vorrede§ 8 sagt, zu vermeiden. Daher unterbrach er die lange Erörterung über die gute Wirkung seines Unterrichtes durch die Einschaltung dieses neuen Motives, um so die Langweile seiner Leser zu bannen.

An die Widerlegung der 90αν schließt sich also mit§ 45 der erste Teil der positiven Darstellung an, in dem er die Eigen⸗ art seiner Kunst, wodurch sie sich von den anderen Arten der