6 Meisters. Der Charakter der fiktiven Apologie zeigt sich in dem starken Hervortreten dessen, was dem Prozeß vorausliegt und dessen, was ihm nachfolgt, und weiterhin in dem Zurücktreten der Anklagepunkte und in dem Hervortreten des Positiven in der Verteidigung. Der Kern der in der Form einer gericht— lichen Verteidigungsrede gegebenen Rechtfertigung des Weisen läßt sich durch folgenden satz ausSPrechen: sokrates erfüllte eine göttliche Mission; diese Mission war die Menschenprüfung. Dieser satz durchzieht die ganze Apologie und läßt alle Ge— danken als Folgerungen daraus erscheinen. Die Vernachlässigung seiner häuslichen Angelegenheiten, das Fernbleiben von den staatsgeschäften, seine Todesverachtung und sein Gottvertrauen: all dies ergiebt sich aus der treuen Erfüllung dieser ihm von der Gottheit zuerteilten Aufgabe.
Dieselbe Form der fiktiven Apologie finden wir in der Rede des Isokrates πεαον ννινοφεοσ oder, wie wir sie nach Aristoteles Rhet. III, 17 pg. 159 kurz bezeichnen können, in der Antidosis.
Diese Rede gehört wohl zu denen unseres Autors, welche am wenigsten gelesen werden, was allerdings nicht zu verwundern ist. Die allzu weitschweifige Form, die Häufung von Wieder— holungen und weit ausholenden Exkursen, Mängel, die aller— dings zum großen Teil auf Rechnung des hohen Greisenalters des Redners zu setzen sind, wirken ermüdend auf den Leser; auch das übertriebene Lob, welches er in reichlichster Weise seiner Kunst SPendet, berührt uns nicht gerade angenehm. Gleichwohl ist unsere schrift für die Beurteilung der Persönlichkeit des Redners, seiner studien und seiner Thätigkeit als Lehrer und Erzieher der Jugend, sowie weiterhin der damals herrschenden geistigen strömungen überhaupt mehr als jede andere unseres Redners von Bedeutung.
Bekanntlich hat der Titel, den unsere schrift führt, mit hrem Inhalt fast gar nichts zu thun. Der für unseren Redner unglücklich abgelaufene Prozeß über den Vermögenstausch(ννπ oοι), in welchem er zur Tragung der Kosten der Trierarchie verurteilt wurde, gab nur den entfernten Anlaß zu unserer Rede.
Isokrates hat selbst über den Zweck der Rede und die Art ihrer Abfassung mit hinreichender Deutlichkeit in der Vorrede (1—13) sich erklärt: er habe schon längst erfahren müssen, daß


