Aufsatz 
Über das Verhältnis der Rede Isokrates peri antidoseos zu Platos Apologie des Sokrates
Entstehung
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I.

Über die Komposition der Apologie ist lange gestritten worden. Es fragt sich, ob sie die wirklich gehaltene und aus dem Gedächtnisse niedergeschriebene Rede des sokrates ist oder vielmehr als eigene schöpfung Platos betrachtet werden muß. Beide Ansichten fanden Anhänger. Für die erstere sind namentlich schleiermacher, Überweg, Cron und Zeller eingetreten, während die andere Ansicht schon im Altertum von Dionysios v. Halikar⸗ naß und in neuerer Zeit von socher, C. F. Hermann, Georgii u. a. angenommen wurde. Doch dürfte die Frage jetzt völlig entschieden sein in der vor einigen Jahren erschienenen kommen⸗ tierten Ausgabe der Apologie von M. schanz). Denn in dieser schrift hat der berühmte Platoforscher durch eine scharfsinnige Zergliederung der Rede unwiderleglich nachgewiesen, daß die Apologie eine freie schöpfung Platos ist. Es kann natürlich nicht Aufgabe dieser Abhandlung sein, auf die Argumentation näher einzugehen. Ich begnüge mich vielmehr, die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung kurz anzuführen. Die Apologie ist nicht eine gerichtliche Verteidigung, sondern eine Rechtfertigung des sokrates: es soll nur gezeigt werden, daß die Verur teilung eine ungerechte war. Nicht an die Richter wendet sie sich, sondern an das gesamte hellenische Publikum. Die Thätig keit und das Leben des Weisen soll richtig erfaßt werden. Die Form ist also nur die Hülle, sie deckt sich nicht mit dem Inhalt. Der schwerpunkt der schrift liegt nicht in der Widerlegung der Anklage, nicht in dem negativen Teile, sondern in der po⸗ sitiven Partie, d. h. der Darlegung des göttlichen Berufes des

) sammlung ausgew. Dialoge Platos mit 2157* Kommentar. 3 Bdchen. Leipzig, Tauchnitz 1893.