Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
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8. Frankfurt. Von Reda aus begab ſich R. über Lemgo, Siegen) wo er den Grafen Johann den Älteren zu Naſſau beſuchte) und Wildungen(wo er am 16. Auguſt 1616 war und mit Wilh. Moritz Thaurerus, einem Lehrer der Hofſchule in Caſſel, zuſammentraf) nach Frankfurt. Hier hoffte er wiederum

ein Collegium von Gelehrten um ſich zu verſammeln, um endlich die literariſchen Vorarbeiten für ſeine Lehrart zu Ende zu führen. Zu dieſem Collegium ſandte der genannte Graf zu Naſſau am 9. September den Joh. Ernholdten; dahin reiſte am 13. September Brinckhovius im Auftrage des Grafen zu Bentheim; dahin

Gelehrte zu ſchicken lud R. im September den Grafen zu Waldeck, den Landgrafen Moritz und den Fürſten zu Anhalt ein; dahin hoffte er vor Allem auch den Baſeler Profeſſor Joh. Buxtorf zu ziehen.

In Frankfurt nahm R. auch wieder Verhandlungen mit dem Magiſtrate auf; dieſelben hatten aber, wie es ſcheint, ebenſowenig Erfolg wie ſeine Bemühungen, gelehrte Mitarbeiter nach Frankfurt zuſammen zu

bringen. Denn ſchon im Juni 1617 geht er mit dem Gedanken um, Frankfurt wieder zu verlaſſen.

9. Baſel. Seitdem ſich R. mit den Profeſſoren Helvicus und Jungius entzweit hatte, waren ſeine Bemühungen, tüchtige Gelehrte zu bleibenden Mitarbeitern zu gewinnen, vergeblich geweſen. Jetzt ſchien ihm Niemand geeigneter zu ſein, dieſe beiden tüchtigen Mitarbeiter, oder doch wenigſtens den Helvicus, zu erſetzen, als der gelehrte Baſeler Profeſſor Joh. Buxtorf. Er ſuchte daher und erreichte in Straßburg bei dem dortigen Profeſſor des Hebräiſchen M. Friedr. Blanckenburg eine perſönliche Zuſammenkunft mit Buxtorf und fand bei dieſem ſolche Geneigtheit für ſein Werk, daß er ihn gleich nach Baſel begleitete, um dort ſein Domicil auf⸗ zuſchlagen(c. 20. Juni 1617). Hier weihte er zunächſt die Profeſſoren Buxtorf und Lucius in ſeine Didaktik ein und eröffnete einen Privatcurſus in der hebräiſchen, bald auch einen ſolchen in der lateiniſchen Sprache*). Am 30. Auguſt 1617 ſchrieb er nach Frankfurt, es gebe zwar auch in Baſel praejudicia in ſeinen Sachen, aber er habe die beſten Hoffnungen. Buxtorf und Lucius waren vollſtändig für ſeine Sache; Blanckenburg von Straßburg verſprach auch baldigſt nach Baſel überzuſiedeln; der Ruf der ratichianiſchen Didaktik verbreitete ſich über die Schweiz; man hoffte in Bern auf des R. Ankunft; ja die Stadt Baſel war im Begriffe, die Sache in die Hand zu nehmen: da machte in den letzten Tagen des Septembers 1617 eine Denunciation den Hoffnungen und dem Aufenthalte R.s in Baſel ein unerwartetes Ende.

Kurz nach dem Tode des Baſeler Pfarrers Dr. Joh. Jacob Grynäus traf R. am 31. Auguſt 1617

zu Lörach in einem Wirthshauſe mit dem Pfarrer Daniel Brunnius, dem Doctor Beck und dem Junker Hans Jacob von Ulm aus Lörach zuſammen. Da ſollte nun nach der Anzeige des zuletzt Genannten R. arge Reden gegen die Calviniſten geführt haben. Auf die Denunciation des bei jener Gelegenheit von R.

perſönlich beleidigten Junkers(R. hatte deſſen Hund geſchlagen) wurde der Didaktiker am 19. September 1617

durch den Oberſten und zwei Stadtknechte in's Unterſuchungsgefängniß abgeführt. Auf Verwendung ſeiner Freunde wurde er zwar am 13. October gegen das Verſprechen, Baſel nicht zu verlaſſen, ſeiner Haft entlaſſen; die Unterſuchung nahm aber ihren ungemein breiten Gang weiter, bis endlich auf Grund der am 25. October und 1. November 1617 von dem Markgräflich Badenſchen Geheimen Rathe und Landſchreiber der Herrſchaft Röteln, Dr. jur. Chriſtoph Leibfried und(auf beſonderen Befehl des Markgrafen von Baden) dem Burgvogte von Röteln Max Kleber zu Röteln vorgenommenen Examina testium die Sache niedergeſchlagen wurde. Darauf aber erließ der Baſeler Rath, freilich erſt Mitte Januar 1618, ein Erkenntniß, daß man von der Didaktik des R. keinen Gebrauch machen könne, weil die Schulen genug verſehen ſeien; deßhalb möge es R. an anderen Orten

*) Reverſe der beiden Profeſſoren vom 27. Juni 1617; ferner für den hebräiſchen Unterricht Reverſe von Buxtorf, M. Stephanius und ſechs Baſeler Studenten vom 15. Juli 1617, ſowie Reverſe des Melchior de Insula vom 16. Juli 1617, des M. Jac. Hagenbach, Basil. med. stud., vom 30. Juli 1617; des philos. et med. doct. Emanuel Stupanus vom 14. Auguſt 1617; und für den lateiniſchen Lehrcurſus Revers des med. doct. Chriſtian Peck vom 22. September 1617. An dieſem

letzteren Curſus nahm insbeſondere auch Lucius Theil..