Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
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4. Waldeck*). Auf Vernats Veranlaſſung begab ſich R. alsbald nach ſeiner Ankunft in Frankfurt nach Schloß Waldeck und hielt ſich daſelbſt bis zum 11. April 1616 bei dem Grafen Christian von Waldeck auf, welcher ebendahin die hervorragendſten Geiſtlichen und Lehrer ſeines Landes, namentlich den Geiſtlichen Jeremias und den Rector der Corbacher Schule, M. Zysenius, berufen hatte. Den Unterhandlungen mit d. lag die ausgeſprochene Abſicht des Grafen, den neuen modum docendi noch im Sommer 1616 in der Grafſchaft förmlich einzuführen, zu Grunde. R. forderte vorerſt die übliche Obligation; dann formulierte er eine Anzahl Forderungen als Grundlage für die weiteren Verhandlungen:1) daß ſie Collegen vorſchlagen, welche duchtig zu methodo Ratichii zu lernen; 2) daß kein Kind ſei reich oder arm vorbeigehen, ſondern die mit vleiß instituiren; 3) daß die Eltern instigirt werden, daß ſie ihre Kinder in die Schule weiſen; 4) iſt vornehmlich dahin zu ſehen, daß man Gottes wort mit vleiß tractire, alß daß Alteteſtament Hebreiſch, das neuweteſtament Griechiſch; 5) vor allen Dingen muß die deutſche ſprache gelernet werden, darmit andere frömbde ſprachen deſto beſſer ausgelegt vnd gelernet werden kennen; 6) gewiſſe bucher zu gebrauchen, deren wenig vnd giſt, alß einen gut authorem vnd praecepta Grammatices darbei; 7) Eine ſprache allein zu lernen vff einmahl vnd die nicht zu confundiren; 8) Die praeceptores müſſen gar fleiſſig ſein, vnd fleiſſi die Knaben instituiren, vndt wirdt die muhe praeceptoris brauchen; 9) der Methodus will perfect gelernet ſein; 10) daß der Methodus fleiſſig wil gelernet ſein; 11) daß ſie gewiſſe classes haben nach den ſieben Künſtenn, vnd daß eine jede ſprache ein gewiß classem habe, vnd muß in jeder Facultet jede lingua propria schola(sic!) haben. Zu förmlichen Abmachungen ſcheint es indeſſen nicht gekommen zu ſein, weil vorerſt die Vorbereitungen in Bezug auf Lehrkräfte, Lehrbücher, Druckerei ꝛc. einige Zeit beanſpruchten. Außerdem waren die Ausſichten, welche ſich eben in dem nahen Caſſel eröffneten, für R. lockender; ganz beſonders trat aber noch zu Michaelis 1616 der Wechſel in der Perſon des Rectors der Corbacher Schule dem Fortgange der Verhandlungen hindernd in den Weg. Denn an die Stelle des genannten Zysenius kam zu dieſer Zeit M. Stephan Ritter aus Grünberg, ein Schüler und treu ergebener Freund des Helvicus; daß dieſer die Ein⸗ führung von R.s Methode zu hindern ſuchte, iſt natürlich, um ſo natürlicher, als er von dem Rechte, deſſen ſich Helvicus rühmte, ratichianiſche Methode als ſeine eigene zum Beſten zu geben, ſoviel in Anſpruch nahm, wie ſein Lehrer, und als einer der ärgſten Gegner des R. eine faſt ganz ratichianiſche Didaktik abfaßte und 1621 veröffentlichte.

5. Caſſel. Landgraf Moritz von Heſſen hatte ſchon längere Zeit die Beſtrebungen des R. mit dem lebhafteſten Intereſſe verfolgt und hegte, ſeitdem er durch Vernat über dieſelben genauer unterrichtet worden war, den lebhafteſten Wunſch, die Vortheile der neuen Lehrart der von ihm gegründeten Hofſchule**) zuzu⸗ wenden. Nur die Rückſicht auf den Weimarer Hof hatte ihn abgehalten, R. früher zu ſich einzuladen; als er nun hörte, daß ſich der Didaktiker in Waldeck befand, entbot er ihn am 8. April 1616 zu ſich. R. traf am 11. April 1616 in Caſſel ein. Alsbald ward zur Prüfung der von demſelben vorgelegten Werke und ſeines ganzen Unternehmens eine Commiſſion niedergeſetzt, welche aus dem Hoſprediger Paul Stein und dem Rector am Pädagogium Nicolaus Krugk beſtand. Auf deren Rath entſchloß ſich der Landgraf, ſofort einen praktiſchen Verſuch mit der neuen Lehrart an einer Anzahl Schüler der Hofſchule im Griechiſchen machen zu laſſen.

Grafen Johann dem Aelteren von Naſſau in Herborn, bei dem Grafen von Waldeck und bei dem Landgrafen Moritz von Heſſen. Außerdem hatte er ſich für R. verwendet bei dem Könige von Dänemark, dem Herzoge von Braunſchweig, der Herzogin zu Eiſenach und der Fürſtin von Hanau. In Eiſenach hatte er den Rector der Schule und den Profeſſor Wolf, in Gotha den Rector Andr. Wilkius gewonnen. Die Fürſtin von Hanau ſandte auf Vernats Verwendung Deputierte zu R.

*) Ausführlicher habe ich des R. Beziehungen zu Waldeck und Pyrmont behandelt in der Zeitſchrift für die Geſchichte

dieſer Fürſtenthümer. II. 1866. S. 115 133. **) Dieſe Schule hat Dr. Th. Hartwig in dem Programme des Gymnaſiums zu Hersfel?(1865. 8. 88 S.) geſchildert.