44 des Monates November 1615 packte er ſeine Sachen, indem er„frembde literas avocatorias praetendiret“, nahm„den abgefaßten methodum, wie er ihn auff des professoris concept ſelbſten abgeſchrieben“, mit und reiſte trotzig ab; er ging nach Erfurt, wo er beim Buchführer Birckner ein Unterkommen fand.
3. Erfurt. Vergeblich ſandte Dorothea Maria am 11. November 1615 Balth. Gualtherus dem R. nach, um mit ihm zu verhandeln und ihn zur Rückkehr nach Weimar zu bewegen; er ließ es ſich nur gefallen, daß er auf Koſten der Herzogin in Erfurt leben ſollte, und gedachte nun, wie er am 29. November 1615 an Verbezius ſchreibt, ſein Leben lang in Erfurt zu bleiben, obgleich die Ausſicht auf eine förmliche Einführung ſeiner Lehrart in den Weimariſchen Schulen ſeit dem Regierungsantritte Herzogs Johann Ernst des Aelteren (30. October 1615) näher wie je gerückt war; denn dieſer Fürſt hatte auf Kromayers Rath beſchloſſen, die neue Lehrart allen Schulen ſeines Herzogthumes zu Gute kommen zu laſſen. R. beſtand aber darauf, in Erfurt zu bleiben; dorthin beſchied er ſeine Mitarbeiter B. Gualtherus, Hebenstreit und Seligmann; dort knüpfte er buchhändleriſche Verhandlungen wegen des Druckes ſeiner Bücher an; von dort aus gedachte er die Einführung ſeiner Lehrart in Kurſachſen, Weimar, Heſſen⸗Caſſel, Waldeck, Naſſau und Schwarzburg, aus welchen Ländern er mittlerweile ſehr günſtige Nachrichten erhalten hatte, zu leiten.
Aber auch die Erfurter Hoffnungen wurden zu nichte. Von den erwarteten Mitarbeitern blieb IHebenstreit aus*), während der Jude Seligmann unmittelbar vor ſeiner Abreiſe in Hanau ſtarb(4. De⸗ cember 1615), dagegen Gualtherus an Eifer nachließ und nur dann und wann auf kurze Zeit ſich einſtellte. Die Ausſichten auf Kurſachſen, im November noch einmal durch des jungen Weimariſchen Herzogs und Kro- mayers perſönliche Verwendung in Dresden in große Nähe gerückt, verdarb ſich R. gründlich durch ſein ſtolzes und anmaßendes Auftreten bei einer Zuſammenkunft mit Smuccius und Rhenius in Leipzig. Auch Weimar wurde ihm verleidet, als dort mit dem Wachſen des Eifers, welchen der junge Herzog für die Sache R.'s an den Tag legte, die Anfeindungen der Gegner beſonders in Jena immer heftiger wurden 8*).
Unter dieſen Umſtänden kam es R. ſehr erwünſcht, daß ſein treuer Freund Vernat, welcher in diplo⸗ matiſchen Geſchäften den größten Theil des Jahres 1615 deutſche Fürſtenhöfe bereiſt hatte, ihm neue Aus⸗ ſichten im Weſten Deutſchlands eröffnete***); in Folge derſelben verließ er am 12. Februar 1616 Erfurt und traf in den erſten Tagen des März wieder in Frankfurt ein.—
*) Am 21. November 1615 ſchrieb R. an denſelben folgende Verſe:
Ach lieber Herr! Ach mein Hebenſtreit! Mit meiner newen Lehrkunſt gahr fein: Wann einmahl die Stund, wan komt die Zeit? Laß ſchawen was ihr bereit,
Eur Arbeit zu genießen? Zu dieſer meiner Arbeit.
Welchs Ihr ſo offt verhießen? Iſts loblich? Iſts gut? ſo nehm Ichs an O für wahr! für wahr gelaubt es mir! Ich gebe das mein, ſo gut Ich kan, Wan allein Ich itz könte von hier: Für Oſtern noch in den Truck.
Gahr ſchnelle wolt Ich thun lauffen So aber Ihr machet Tuck,
Nach Vlm zum beſten hauffen, Ich bleiben laß euch zuruck.
Sehr kleglich wolt ich rauffen: O Heben! O mein Hebenſtreit,
O Heben! O mein Hebenſtreit! Eur Arbeit gebt zu rechter Zeit. Laß kommen, laß kommen die Zeit Nun iſts Auß. Der lieben Jugent nützlich zu ſein Gegeben zu Erfurt in meiner Ruh.
**). Es kam dort ſo weit, daß ein Profeſſor M. Wolfgang Heiderus in der praefatio des officiellen Jenaer Lections⸗ kataloges für das Sommerſemeſter 1616 die Neuerer auf das Schonungsloſeſte angriff, welche den Fleiß und Eifer der Stu⸗ denten durch die Anpreiſung einer nova Didactica untergrüben, welche leicht und ſchnell Gelehrte zu bilden verſpreche.„Lazare veni foras, hieß es darin; prodeant hi momi e suis latebris, intenta sua, quod boni proprium, communicent“. Der Herzog war auf das heftigſte erbittert; doch war das Reſultat der langwierigen Unterſuchung nur eine geſchraubte Erklärung des Profeſſors, daß ihm eine Beleidigung ſeines Landesherrn ferne gelegen ſei. 8
***) Ueberall hatte Vernat an den Fürſtenhöfen Propaganda für R. zu machen geſucht; mit beſonderem Erfolge bei dem


