Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

43

ertheilt hatte, ließ die Herzogin alsbald Alb. Grawerus von Jena kommen und beauftragte ihn, in Gemein⸗ ſchaft und unter Anleitung von R. methodum linguarum deutſch zu beſchreiben. Wirklich begab ſich R. an das Werk und ließ es geſchehen, daß der Jenaer Profeſſor die Methodus linguarum zu Papier brachte. Doch bald gereute es ihn wieder, ſein Geheimniß zu veröffentlichen, und er ſuchte der Ausführung jenes Auftrages wunderliche difficultates entgegenzuſtellen und neue Bedingungen zu machen, deren Erfüllung faſt unmöglich war. So ſehr verzweifelte Grawerus an dem günſtigen Erfolge der ihm aufgetragenen gemeinſamen Arbeit, daß er ſchon am 23. Auguſt 1615 der Herzogin räth, lieber von Helvicus die Methode zu erfahren zu ſuchen; und Kromayer ſcheint dieſem Rathe beigetreten zu ſein, ebenſo wie HIoë. Vielleicht war es aber R. gar nicht um eine dauernde Wiederanknüpfung mit Weimar zu thun; vielmehr ſcheint ſein Sinn ſchon auf ſeiner Reiſe von Augs⸗ burg, möglicherweiſe durch ſeine Gönnerin Anna Sophia, bei der er unterwegs in Rudolſtadt vorſprach, ver⸗ anlaßt, hauptſächlich auf Dresden geſtellt geweſen zu ſein. Auch bemühten ſich ſeine Gegner in Weimar auf alle Weiſe, ihn herabzuſetzen und lächerlich zu machen. Insbeſondere ſpottete Dr. Lang nicht nur über das äußere Auftreten des Didaktikers*), ſondern ſuchte auch das Werk deſſelben durch Anpreiſung einer von ihm, Lang, erfundenen neueſten Lehrart aufzuziehen, die er in Form eines Dialoges unter dem Titeldie alte Geige mit neuen Saiten bezogen, ausgearbeitet habe**).

Unter dieſen Umſtänden ſah ſich die Herzogin, um endlich die Einführung der neuen Lehrart in den Schulen ihres Landes zu erreichen, nach anderen Gehülfen um, welche mit R. zugleich und auch in deſſen Abweſenheit ſelbſtändig die letzten nöthigen Vorbereitungen treffen könnten, und berief am 29. Auguſt 1615 den ihr von R. ſehr empfohlenen M. Hebenstreit von Ulm. Auch an Helvicus wandte ſich die Herzogin, um ihn zur Verſöhnung und zur Mitwirkung mit R. zu bewegen; doch vergeblich***).

Der Ulmer Rector Hebenstreit dagegen erklärte ſich(20. September 1615) bereit, im Frühjahre, und unter Umſtänden auf immer, nach Weimar überzuſiedeln. Aber noch ehe derſelbe kam, trieb das Miß⸗ trauen gegen den Mitarbeiter Grawerus den Didaktiker von Weimar fort; eines ſchönen Tages im Anfange

*)Venit ad nos, ſchreibt er am 26. Auguſt 1615, ipse Ratichius, mox in aulam adscitus adduxit hospes ve ter- nosus umbram longe deteriorem, novum scilicet artis suae buccinatorem, aliquot linguarum peritum(Vernat). Qui ipsum viderunt, dicunt hominem esse eleganter et politice vestitum, cujus pileum crista rubra militari more ambiat.

**)Interim ego jam adorno Didacticam, qua spero studia scholastica et jucundiora et faciliora futura. Reperi enim modum, quo et vocabula rerum et regulae grammatices mediocriter perceptae, per lusum et jocum reperiri et firmissime cum jucunda delectatione et discipulorum et praeceptorum recreatione in lusu chart arum memoriae infigi possunt. Am 2. November 1615 erzählt Lang über ſeineAlte Geige:Ich habe durch Johann Webern, unſerer Schulen Collaboratorem, bey ſeinen discipulis privatis es verſuchen laſſen, gehet in allen Stücken nach Wunſch, umb 80 vocabula haben 8 Knaben in einem halben Tag gelernet auf dieſe Weiſe. In phrasibus aus denen colloquiis Corderii und Terentii habe ich meine Luſt gehört u. ſ. w. Zur Veröffentlichung kamen dieſe Sachen nicht; Lang ſtarb am 24. De⸗ cember 1615.

***) Helvicus entwirft in ſeinem Antwortſchreiben vom 3. September 1615 ein abſchreckendes Bild von ſeinem früheren Lehrer und Genoſſen. R. ſei in Reden ſchlüpfrig und drehe ſich wunderlich, wiſſe in allen Abreden und Handlungen ſeinen Vortheil zu wahren und den Andern zu ſchädigen. Alles ſuche er nach ſeinem Willen und eigenen Kopf zu ändern, und man wiſſe nicht, was er dahinten ſuche, beſonders im Religionsweſen. Er müſſe im Zaum gehalten werden, er ſtelle ſich auch ſo ungeſchlacht, als er wolle; man müſſe ihn preſſen; je mehr man ihm nachgebe, deſto mehr wolle er haben; wo man ihm aber die Spitze biete, ducke er ſich zuletzt, es gehe ihm nun von Herzen, oder nicht. Er trage einen unerſättlichen Ehrgeiz im Herzen, und Niemand könne ihm genug Ehre erzeigen. Eines jeden Heimlichkeit ſuche er zu erforſchen, damit er ſolches zu ſeinem Vortheile gebrauche. Daher räth er, man ſolle ſich mit R. vorſehen; am beſten ſei es, wenn die Herzogin ihn durch Grawerus ſorgfältig beobachten laſſe und in ihn dringe,herfürzugeben, waß er ſich noch berühmet zu haben vndt keine krumme Zunge brauchen. Er habe ſich gerühmt, ſelbſt er und Jungius würden in 10 Jahren nicht kennen lernen, was er im Schilde führe. Schließlich erklärt Helvicus er für ſeine Perſone begehre des Communicierens mit R. nicht mehr; mit Gualtherus dagegen könne und wolle er ſich leicht vergleichen. Auch Landgraf Ludwig, deſſen Vermittelung die Herzogin angerufen hatte, ver⸗ mochte nicht, den Entſchluß des Helvicus umzuſtoßen. 9