Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
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ſofort ſeine Dienſte dem Kurfürſten direct anzubieten, Folge leiſtete, noch ſeinem Agenten Heinr. Hein auf deſſen Reiſe durch Deutſchland um Neujahr 1615 Dresden überhaupt zu berühren erlaubte.

5. Anhalt. Es war natürlich, daß die fürſtlichen Schweſtern Dorothea Maria und Anna Sophia ihre Brüder, die Fürſten von Anhalt, in das Intereſſe für das Werk des R. hineinziehen würden. Schon 1613 lernte Fürſt Augustus den Didaktiker perſönlich in Weimar kennen und verfolgte ſeit der Zeit die Beſtrebungen deſſelben mit beſonderer Vorliebe, ſandte ihm auch zwei Collaboranten(Michael Banse und Abraham Ulrich) nebſt einem Edelknaben(Hans Giebichenstein) auf längere Zeit nach Augsburg und war von des R. Reformplänen ſo eingenommen, daß ihm dieſer am 30. Mai 1615 unumwunden ſchrieb, er ſetze nunmehr alle ſeine Hoffnung auf Anhalt; dort hoffte er eine Zuflucht und rechte Förderung ſeines Werkes zu finden.

§. 6. Von Augsburg bis Cöthen(Anfang Juli 1615 bis zum 10. Apri 1618).

1. Ulm. Nachdem das Augsburger Unternehmen geſcheitert war, richtete R. ſeine Blicke zunächſt auf Ulm, wo er an dem Schulrector Joh. Bapt. Hebenstreit, an dem Rechenmeiſter Joh. Faulhaber, an Dr. Remmelin, vorzüglich aber an dem Stadtphyſikus Dr. David Verbezius gute Freunde beſaß, welche ihren Einfluß demjenigen des Schwagers von Helvicus, des Superintendenten Dieterich, entgegenſetzten. Solange indeſſen Helvicus noch in Ulm ſich befand und auf R. ſchimpfte, war wenig Ausſicht; auch nachdem derſelbe am 31. Mai 1615 Ulm verlaſſen hatte, weil er daſelbſt keinen Schüler im Hebräiſchen hatte finden können, und die von demſelben erwarteten Augsburger Schüler ausgeblieben waren, fand Vernat im Juni in Ulm wenig Tröſt⸗ liches. Die Stadt ſei, ſo ſchrieb er an R., aller Erfindungen und freien Künſte Stiefmutter, ja Feindin; und ſeit Helvicus fort ſei, übernehme ein Dr. Slechter, ein früherer Frankfurter Schüler R.'s, in Verbindung mit Diete- rich die Rolle, R. als einenKetzer, Schwermer vnd Läſterer der Obrigkeit ſchlecht zu machen; doch vertheidige Dr. Verbezius den Didaktiker tapfer gegen die Pfaffen und habe ſich erboten, denſelben ein Jahr lang bei ſich aufzunehmen und daneben in logicis, physicis oder in medicina für ihn zu laborieren; ein ähnliches Ver⸗ ſprechen erlangte er von Remmelin und für Lateiniſch und Philoſophie von Hebenstreit. Die Angelegenheit wurde durch Vernat mit großer Geſchicklichkeit betrieben, und die zufällige Abweſenheit Dieterichs ſo gut benutzt, auch die Stimmung in der Stadt durch praktiſche Proben mit der Lehrart ſo weit gewonnen, daß man Anfangs Juni eine AnzahlContribuenten zuſammenbrachte und ſich mit um ſo größerer Zuverſicht an den Magiſtrat um Unterſtützung des Werkes wendete, als ein von den Augsburger Contribuenten erbetenes Zeugniß ſehr günſtig für R. ausgefallen war und weitere Unterſtützung von dort in Ausſicht ſtellte. Am 2. Juli 1615 traf R. in Ulm ein. Er verſprach, ſeine vier Grammatiken binnen zwei Monaten druckfertig zu ſtellen und dann alsbald mit der Unterweiſung zu beginnen. Aber der Magiſtrat von Ulm, durch ein R. ungünſtiges

Privatſchreiben(von J. Neithart?) ſtutzig gemacht, zeigte ſich bedenklich, ſodaß der Didaktiker, des langen

Unterhandelns überdrüſſig, auch Ulm den Rücken kehrte(Mitte Juli 1615).

Nachdem er im Vorübergehen etwa vierzehn Tage lang eine Kur an dem Smerrunten zu Ueber⸗ lingen gemacht hatte, reiſte er über Nürnberg, wo er 8 Tage lang verweilte, Ru dolſtadt und Dresden nach Weimar und traf hier in der Mitte des Monates Auguſt 1615 mit Vernat ein.

2. Weimar. Dorothea Maria erklärte ſich nach ſeiner Ankunft gern bereit, dem R. in Weimar Unterhalt und Beförderung zu gewähren, wenn er ſich reverſiere,daß er ſeine Lehrart treulich communiciren, zu Pappier bringen laßen vnd zum truck verfertigen wollte, und das Verſprechen gebe,daß er die von ihm weitauſſehende ahnzügliche reden hinführo nachlaßen, vnd ſich ſelbſten vor Vnheil vnd ſchaden hüten wolle. Nachdem er den zweiten Punkt mit Handſchlag zugeſagt und wegen des erſten eine genügende Zuſicherung