Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
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Reuss auch nach ihrer Verheirathung mit dem Grafen zu Schwarzburg unter Balth. Gualtherus Leitung in Rudolſtadt fort, wohin ſie ihren Lehrer gezogen hatte. Derſelbe kam Anfangs April 1614 im Auftrage von vier Schwarzburger Grafen nach Frankfurt und blieb daſelbſt bis zu des R. Abreiſe nach Augsburg, kehrte dann nach Rudolſtadt zurück und trat vor Pfingſten das ihm übertragene Rectorat in Frankenhauſen an, um daſelbſtals Ratichianus sic non Ratichianus zu laboriren*). Die Verbindung des R. mit Anna Sophia ward ſeitdem etwas loſer und bedurfte Ende 1614 ebenfalls einer neuen Anregung durch H. Hein, den Agenten R.s.

3. Darmſtadt. Der Landgraf von Heſſen hatte bis dahin die größten Opfer für die Sache des R. gebracht, hatte zwei ſeiner Profeſſoren auf ſeine Koſten bei demſelben erhalten und gab die Hoffnung nicht auf, daß ſpäteſtens im Herbſte 1615 die ratichianiſche Didaktik in Gießenin Praxis geſtellt werden würde**).

4. Dresden. Mit ganz beſonderer Vorliebe hatte R. ſeit ſeiner Rückkehr nach Deutſchland die Hoffnung genährt, daß es ihm gelingen werde, die Unterſtützung des vornehmſten evangeliſchen Fürſten in Deutſchland, des Kurfürſten von Sachſen, zu gewinnen; aber ſeine Bemühungen hatten nicht den gewünſchten Erfolg***), trotzdem er an bedeutenden Gelehrten und Schulmännern Kurſachſens, Dr. Vincentius Schmuck, Joh. Rhenius, Heinr. Höpffuer, Calvisius, Rotenburg u. a., warme Fürſprecher hatte, auch der am Dresdener Hofe ſonſt ſehr einflußreiche Hofprediger Dr. Matthias Hoë von Hoënegg ſeine Empfehlung wiederholt zuſagte. Erſt die Verwendungen des heſſiſchen Landgrafen(vom 27. Februar 1614) und der Herzogin von Weimar(durch Vermittelung des Dr. Gabriel Puntzell im Februar 1614) vermochten den Kurfürſten und die Kurfürſtin für R.s Sache ſoweit zu intereſſieren, daß das Verſprechen einer Beförderung in Dresden für den Fall ertheilt wurde, daß R. von der Verfolgung ſeiner über eine Reform des Sprach⸗ unterrichtes hinausgehenden Pläne abſehe und vor Allem eine genaue Darlegung der von ihm erfundenen Didaktik übergebe). Die Bewegung, welche vorzüglich Rhenius ſeit 1611 in Kurſachſen auf dem Gebiete des ſprachlichen Schulunterrichtes durch Angriffe gegen die bis dahin gebräuchlichen Grammatiken hervorge⸗ rufen hatte, konnte der Sache des R. nur günſtig ſein, zumal da der Kurfürſt ſelbſt ſich dieſer Bewegung gegen⸗ über keineswegs gleichgültig gezeigt hatte. So gelang es der Herzogin Dorothea Maria, als ſie gegen Ende des Monates September 1614 mit Kromayer in Dresden war, vom Kurfürſten das Verſprechen zu erwirken, daß R. entweder ein eigenes Collegium in Wittenberg oder eine Fürſtenſchule im Lande mit 20 25 ma- gistris übergeben werden ſolle. R. war aber von einem unbeſiegbaren Mißtrauen gegen die Dresdener Hof⸗ intriguen und insbeſondere gegen Hoò erfüllt, ſodaß er weder der Aufforderung der Herzogin(vom 14. October),

*) Gualtherus an R. d. d. 26. Juli 1614.

**) Mentzerus in Gießen hatte in ſeinem Intereſſe für R. und deſſen Werk immer mehr nachgelaſſen. Am 10. Sep⸗ tember 1614 ſchrieb Dr. Joh. Gerhardus, Superintendent zu Heldburg, nach einem Beſuche in Gießen:Ratichianismum ille(Mentzerus) deserit; conqueritur etiam contra suam voluntatem nomen suum subjunctum, de quo solemniter protestatus sit.

***) Helvicus an Hoë d. d. 31. Januar 1614:Quia Ratichius ante aliquot annos hoc negotium serenissimo Dn. Electori aliquoties summo ardore et studio deferri curavit et nunquam tamen efficere potuit, ut ipsius Celsi- tudini innotesceret, hinc factum, ut, pertaesus circumulationum aulicarum, animum tandem penitus ab Electore et Electorali aula averterit. Ego vero non concedendum puto, ut tanta res spectans ad salutem totius Germaniae pri- marium Augustanae confessionis principem et Electorem lateat.

) Hoë, ein Mann von höchſt zweifelhaftem Charakter, wie ſich auch im weiteren Verlaufe der Geſchichte des Ratichi⸗ anismus ergeben wird, theilte zu Oſtern 1614 der Herzogin die hauptſächlichſten Bedenken mit, welche man in Dresden gegen R. geltend machte: Es ſei auf Betrug abgeſehen; wie der Geiſt plötzlich über R. habe kommen können; man habe doch bisher auch mit Erfolg dociert; R. ſpanne die Pferde hinter den Wagen, denn er lehre erſt das Höhere und lege erſt dann das Fun⸗ dament; er möge erſt einmal ſeine Grammatik publicieren; er ſuche nur ſeinen eigenen Nutzen und nicht Gottes Ehre. Vgl. über Hosë u. a. Schröckh, Biographien gelehrter Männer. II. S. 140 ff. Palm, Geſch. d. Gymn. zu Plauen. 1855. 4. S. 6 ff.