Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
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Stück deſſelben iſt beſonders und ohne Archaismen und anſtößige Stellen gedruckt). Der auf ein Jahr be⸗ rechnete Lehrcurs zerfällt in 5 Abſchnitte: I. der Lehrer lieſt vor und überſetzt Satz für Satz zweimal in einer Stunde einen Act, zum drittenmal lieſt er, in derſelben Stunde, ihn ohne Ueberſetzung vor. So lernen die Schüler in 6 Wochen leſen(nur bisweilen ſollen ſie in der Schule, aber nicht zu⸗ Hauſe, Leſeverſuche machen) und den Inhalt des Terenz verſtehn. Bis dahin keine Grammatik. II. Terenz in gleicher Weiſe wie in I. tractiert; daneben lieſt der Lehrer die Flexion der Verba und Subſtantiva u. ſ. w. vor und flectiert häufige Beiſpiele aus Terenz. So lernen die Schüler in 6 Wochen flectieren(ne memoriter recitet disci- pulus flexiones). III. Wiederholung in drei Monaten von I. und II. mit Einübung der Grammatik an den aufſtoßenden Beiſpielen. IV. Syntax mit dem Terenz. V. Die Schüler leſen und überſetzen ſelbſt den Terenz(mit vertheilten Rollen). Alle Schreib⸗ und Sprechübungen nur aus Terenz; erſt wenn die Schüler ganz vertraut mit dieſem ſind, Ueberſetzungen ins Lateiniſche. Im zweiten Jahre ein neuer Autor.

. S. 175 ff. Aphorismi. S. 179 ff. dieſelben deutſch: Artickel, Auff welchen fürnehmlich die Ratichia⸗ niſche LehrKunſt beruhet. Beide Bearbeitungen ſtimmen bis auf die Anordnung faſt ganz überein.

Juxta Methodum Naturae omnia(6[2])*). Ne modus rei ante rem(5[9]). Non nisi unum(1[3]), idque crebro(2[4])). Omnia primum in Germanico(3[5]²). Ex Germanico in alias linguas(4[6]). Omnia ad Harmoniam(20 ISJ). Per inductionem et experimentum omnia(21 110]). Habitus per exempla ante praecepta(13. 14). Nil novi ante prioris solidam cognitionem(12). Prima institutio in sacris(25[25]). Die Sprachen ſollen aus ihrer gründlichen Eigenſchaft gelernet werden[23]ã. Linguae ad usum loquendi docentur(22[24]). Nihil extra propositum Autorem, donec in succum et sanguinem conversus sit(15[11J). Non nisi unùs praeceptor in una re (26[19]). Omnia agat praeceptor(9[13]). In discipulo silentium Pythagoricum(10[14)]). Omnia absque praejudicio in discipulo(24 152). Absque coactione omnia(7[7]). Nullus puer aut puella perterreatur(18). In schola perceptum domi ne corrumpatur(23). Omnia praeviis precibus(S[1J). Praeceptor non nisi doceat; Disciplina penes Scholarchas esto(17[16])). Alle Jugent, keins außgenommen, ſoll zur Schule gehalten werden[17]. Keine Stund oder Lection ſoll ver⸗ ſäumet werden[18]. Eadem sedes in schola perpetuo, et omnes in conspectu praeceptoris(16 120]). Die Schulzucht vnd Hauszucht muß vber ein ſtimmen[21].

Im Allgemeinen gab R. noch in Augsburg die Hoffnung nicht auf**), alle literariſchen Vorbereitungen wenigſtens in den wichtigſten Zweigen des menſchlichen Wiſſens und vorzüglich in den zunächſt liegenden Schulwiſſenſchaften in wenigen Jahren fertig beiſammen zu haben.

In dieſer Hoffnung beſtärkte ihn vornehmlich der keineswegs zuſammengeſchrumpfte Umfang des Intereſſes der deutſchen Fürſten und Städte für ſeine Sache. Dies führt uns noch auf die Frage, in welcher Stellung die Höfe zu Weimar, Rudolſtadt und Darmſtadt zu R. in der Zeit ſeines Augsburger Aufenthaltes ſich befunden haben.

1. Weimar. Nachdem R. in der Mitte Mai 1613, begleitet von den beſten Wünſchen und Emp⸗ fehlungen ſeiner Gönnerin Dorothea Maria, Weimar verlaſſen hatte, unterhielt er während der erſten Zeit ſeines Frankfurter Aufenthaltes einen lebhaften Briefwechſel mit dieſer Fürſtin, welche ihn noch weiter mit Büchern für ſeine Arbeit an Luthers Schriften verſorgte, ihm Troſt und Muth zuſprach, wenn er über Verleumdungen und Anfeindungen klagte, ſeinem Wunſche entſprechend die zwei Jenaer Profeſſoren Grawerus

*) Die in() befindliche Zahl weiſt auf eine der 26 lateiniſchen Aphorismi, die in 1l auf einen der 25 deutſchen Artikel. Fehlt hinter einem Satze eine ſolche Zahl, ſo iſt damit angedeutet, daß der betr. Satz in der lateiniſchen oder deutſchen

Bearbeitung nicht vorkommt. *r) wenngleich Helvicus ſowohl wie Jungius Alles, was ſie für R. in Frankfurt und Augsburg gearbeitet hatten, nach

ihrer Trennung vom Didaktikus mit ſich nahmen.