Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
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preiſen.(3) Er gab zuerſt den hebräiſchen Dialekt, dann die hebräiſche Schrift, dann den griechiſchen Dialekt. (4) Gehör und Geſicht vermitteln auch den Verkehr der Menſchen untereinander.(5) Das Gehör aber iſt das wichtigere Organ; daher ſoll man vorzüglich viva voce lehren.(6) Um Gottes Weisheit und Willen erkennen zu können, muß man Hebräiſch und Griechiſch lernen,(7) während man die menſchliche Weisheit durch Latein, Griechiſch und Arabiſch lernt.(8) Das Studium der Sprachen muß eifriger werden. S. 9 16. De conditione et officio Praeceptoris.(1) Praeceptor sit purae(luth.) religionis,(2) sit pius und bete eifrig,(3) sit solers et industrius,(4) sit fidelis et candidus,(5) sit diligens,(6) sit prudens et circumspectus, attendat ingenia, observet horas,(7) prüfe die Schüler nicht zu früh, lobe und belohne die tüchtigen, (8) züchtige die nachläſſigen ratione ingeniorum und ſo, daß er ſich die Liebe der Kinder nicht verſcherzt, (9) ſei aber auch nicht zu nachſichtig. S. 17. De officio Discipuli. Der Schüler ſei gehorſam und liebe den Lehrer; dafür ſollen ſowohl die Eltern ſorgen als auch die Lehrer, und zwar durchſindustria, mores, preces. S. 17 61. Methodus docendi ipsa. Der Lehrer lehre zuerſt in 12 Stunden die Buchſtaben durch Vorſagen und Vorſchreiben, dann in 23 Stunden die Silben; dann leſe er in 45 Stunden den Autor(dieſer ſei idoneus und unicus) langſam ſilbenweiſe vor, ohne daß die Schüler nachſprechen; dann theile er den Inhalt des zu leſenden Abſchnittes mit, leſe dieſen vor, überſetze ihn Wort für Wort und leſe das Ganze zum Schluſſe noch einmal. Nach 1 Monat lieſt er in der letzten Viertelſtunde jeder Lection die Formenlehre aus dem libellus Rudimentorum oft vor und erklärt ſie, vom Activum der 1. Conjug. beginnend. Nach Vollendung des Autor wird derſelbe noch einmal ebenſo durchgenommen und dabei die Etymologie genauer durchgenommen und mit Beiſpielen aus dem Autor erläutert. S. 36 43. Cur prius ad Autorem, deinde ad praecepta demum ducendus puer. S. 4355. Nachdem ſo 3 5 Monate mit der Behandlung einer Comödie, der Colloquia und mit der Etymologie hingebracht ſind, wird in gleicher Weiſe die Syntax neben dem Autor tractiert, und hierauf erſt(nach 6 8 Monaten im Ganzen) muß der Schüler den Autor in die Mutterſprache überſetzen und Sätze aus dem Autor in's Lateiniſche übertragen. S. 55 61. Quomodo et quo ordine in linguae puritate puer a teneris unguiculis erudiendus in schola germanica. Die 6⸗ oder 7-jährigen Kinder lehrt der Lehrer durch Vorſchreiben und wiederholtes Vorleſen aus einem libellus Rudimentorum oder Abecedarium in 35 Monaten leſen, dann Grammatik, Schreiben, Dictieren und Disponieren von Briefen, Logik, Rhetorik(deutſch), Arithmetik, Muſik, Geometrie.

Eine Augsburger Arbeit der beiden hauptſächlichſten Collaboranten des R. war jedenfalls der im Jahre 1617 von Rhenius veröffentlichte Entwurf der allgemeinen didaktiſchen Methode des R.*), welchem noch einige Aphorismi in lateiniſcher und theilweiſe ſehr ausführlicher deutſcher Ausarbeitung bei⸗ gefügt ſind**). Der Inhalt dieſer Aufſätze iſt folgender:

I.Ratichianorum quorundam, clarissimorum atque optimorum virorum, Praxis ac Methodi delineatio in lingua Latina, quae et in caeteris linguis Exemplaris loco esse potest.

Täglich 24 Stunden, aber nicht unmittelbar hintereinander, Unterricht. Jede Lection beginnt mit dem Vaterunſer. Das Alphabet, dann syllabas praeceptor praescribendo et praelegendo percurrirt. Dann nach einer kurzen Unterweiſung über die Wiſſenſchaften, Sprachen u. ſ. w. gleich zum Autor(im Lat. Terentius, von dem täglich 1 Act, Sonnabends(repetitionsweiſe) eine ganze Comödie abſolviert wird. Jedes

*) S. Jahns Jahrbb. I. 1. S. 45. 46.

*) Dieſe Aufſätze ſind in Raumer's Geſchichte der Pädagogik Stuttgart 1857. II. Thl. S. 23 ff., theils dem Inhalte nach, theils wörtlich wiedergegeben. Guhrauer l. l. S. 223(der übrigens nur die Ausgabe von 1626 kennt und daher über das Verhältniß der Aphorismen zu der 1619 erſchienenen Delineatio didacticae generalis des Helvicus unrichtig urtheilt) will die Aphorismi überwiegend dem Jungius beimeſſen wegen der Kürze, Schärfe und Beſtimmtheit, womit dieſe Grundſätze gleich mathematiſchen Sätzen hingeſtellt ſind, während die deutſchen Artikel mit ihren ziemlich ansführlichen und faſt weitſchwei⸗ figen Erläuterungen auf Helvieus hinweiſen und deſſen gewohnten Umgang mit hebräiſcher Sprache und Judenthum verrathen (beſ. Art. 17).