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ſeinem erſten Mißmuthe nicht nachgab und weder nach Frankfurt ſofort zurückkehrte, noch ſich in Nürnberg feſſeln ließ, ſo ſpricht das doch wie wenig anderes dafür, daß er von trotzigem Eigenſinne, zu dem er gewiß von Natur geneigt war, ſich durch das Bewußtſein des hohen Zieles, das er ſich geſteckt, und durch freundliche Güte und Geneigtheit fern halten ließ und dem Zureden ſeiner drei Augsburger Freunde ein geneigtes Ohr lieh.
Des R. Aufenthalt in Augsburg, d. h. deſſen Ende, iſt ihm hernach vielfach tadelnd vorgehalten worden, und ſeine Gegner beriefen ſich gern darauf, daß er von dort mit Schimpf und Schande, oder doch nicht mit allen Ehren abgezogen ſei. Aber Mißerfolge ſeiner Lehrart hat ihm von Augsburg her Niemand jemals vorhalten können*). Den unglücklichen Ausgang ſeines Augsburger Aufenthaltes hat er lediglich der Untreue des Helvicus zu danken. Was ſoll man dazu ſagen, daß die Augsburger Contribuenten erklärten, ſie wollten R. gern noch ein zweites Jahr bei ſich behalten, aber nicht zugleich Helvicus und Jungius. Sie kündigten auf R.'s Begehren beiden die bis dahin ihnen gewährten Alimente**).
Ueber die literariſche Thätigkeit des R. und ſeiner Mitarbeiter in Augsburg gibt Abraham Ulrich, welcher vom Fürſten Augustus von Anhalt zu R. geſchickt worden war, in einem ausführlichen Berichte an ſeinen Herrn Auskunft(vom 16. Juni 1615). Nach demſelben arbeitete Ratichius ſelbſt an einer deutſchen Grammatik oder Sprachkunſt,„in welcher alle Regeln und termini grammatici auf das Kürtzeſte in zierlich vnd bequem Deutſch gebracht wurden. Nach dieſer deutſchen Sprachkunſt wollte er auch die anderen Systemata grammatica in Lateiniſcher, Griechiſcher, Ebräiſcher, Arabiſcher ꝛc. Sprach conformiren vnd zurichten laßen“. „Was nun den gantzen cursum philosophicum vnd die faculteten anlangt, fährt Ulrich fort, hat er mihr gezeiget etliche tabellas, welche von vnderſchiedlichen gelehrten leuten auf ſein angeben ſeind geſtellet worden, in welchen die Philosophia vnd andere Dinge mehr quasi in synopsi entworffen waren.“ Die von Joh. Lippius für R. aufgeſtellte Tabelle aller Weisheit(ſ. o. S. 7) gab die einzelnen Zweige des menſchlichen Wiſſens an, welche„in ihren terminis vnd vocabulis technicis beſchrieben“ werden ſollten, damit die Deutſchen auch ohne Lateiniſch und Griechiſch zu können, dieſe nützlichen Studien treiben könnten. Jungius und Helvicus beſchäftigten ſich vor Allem mit etymologiſchen Arbeiten, und Jungius insbeſondere mit einer deutſchen Grammatik oder Sprachkunſt, einem deutſchen Wörterbuche, einer Analogie der deutſchen und lateiniſchen Sprache, deutſchen didaktiſchen Vocabeln u. ſ. f.***). Außerdem brachte er in Augsburg ſeine deutſche Logik zu Stande, ebenſo ein deutſches Systema Metaphysicum, und war dabei von R. erinnert worden, ſich frei von Aristoteles, Plato, Scaliger ꝛc.-zu halten; denn das rechte Philoſophieren müſſe„libereé auß der Ver⸗ nunfft“ und zwar in deutſcher Sprache geſchehen. Helvicus entwarf für R.„die ganze Theologie in tabulis, in welchen der gantzen H. Schrift inhalt 63„ 10.†%ꝙ begriffen werdt. Sonſten hat er in Theologia 24 locos, die können gar füglich in einem halben Jahre abſolvirt werden, alſo das man wöchentlich einen locum in Schulen tractire, davon disputire vnd declamire, und wenn man ſeinem rath folgete, das man auch von dem loco, ſo die Wochen über in ſchulen iſt gelehret worden, des Sontages in Kirchen darvon predige, alſo das der gemeine mann eben daßelbe in der Kirchen lerne, was die Jugendt in der Schul die Woch über begriffen, vnd alſo eine rechte harmonie vnd consensus orthodoxus beides vnter gelehrte vndt Vngelehrte
*) Meyderlin ſpricht ſich im Verlaufe des ſchon oben citierten Briefes vom 16. Juni 1615 über R.s Stellung und die Meinung von ſeiner Didaktik in Augsburg ſo aus:„Betreffend aber das Principalſtück, ſo iſt fürwahr das Werk gut, vnd
weis Ich meines gedenckens Keinen, der demſelben auff den boden geſehen hette, der es nicht commendirte“. **) Abr. Ulrich an Fürſt Augustus von Anhalt, 16. Juni 1615. Daſſelbe beſtätigt ein Schreiben des Meyderlin an Verbezius v. 26. Juni 1615......
***) Unter des Jungius handſchriftlichem Nachlaſſe finden ſich einige Fascikel mit der Aufſchrift:„Jungii Analogia teutonica“ und„Vocabula technica Germaniae“, Verſuche zur Herſtellung einer vollkommenen deutſchen philoſophiſchen Ter⸗ minologie, aus welchen Guhrauer I. 1. S. 224 f. einige Proben mittheilt(S. auch oben S. 20), wozu weiter zu bemerken iſt, daß Jungius ſeine literariſchen Arbeiten ſämmtlich für ſich behalten und dem R. nicht, wie er verſprochen hatte Alerantwortet hat.


