Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
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3) daß er ſo geheim thue über das Ziel, zu dem er hinſtrebe, vermeſſene und unchriſtliche Reden über den Werth ſeines Werkes führe und daſſelbe ſogar über der Apoſtel Werk ſtelle;

4) daß er vollBeißigkeit gegen alle Theologen ſei, ſodaß er keinen Theologen zum Freunde habe, und beſtändig auf Fürſten und Obrigkeiten ſchmähe..

Darum, meinte Helvicus, ſei ſeine Obligation nicht mehr für ihn bindend, da dieſelbe an Bedin⸗ gungen geknüpft geweſen ſei, die R. nicht erfüllt habe. Und in der Darmſtädter Verabredung vom Februar 1614 ſei ausdrücklich ausgemacht worden, daß es dem Landgrafen jederzeit freiſtehe, den Helvicus zurückzurufen, wenn es ihm beliebte, damit die Lehrart auch in Heſſen practiciert werden könne. Darum möchte R. es mit dem LandgrafenAußfechten, was er für Mangel daran hett. R. habe zwar zuletzt noch in Augsburg ſich erboten, Alles zu offenbaren und zu thun was man begehrte, er habe es aberſo krumb vnd bunt gemacht, das man wol ſahe, daß nicht zu rathen war, ſich vfs newe mit ihm einzulaßen. Darum, ſchließt er,habe Ich Freyheit genug zu Practiciren kraft beuelichs meines gnedigen Fürſten vnd herrn, vnd ich froh war, los zu ſein.

R. hat unter dieſe Aufzeichnung des Helvicus geſchrieben:Wan D. Helvicus dieſe grundloſe vnd lügenhafftige Vrſachen von ſich ſchreibet, vnd ferner zu verthätigen gedenckt, So halte Ich ihn für einen tückiſchen Buben vnd Ehrgeitzigen Ehrendieb, biß Er ſolchs beweiſet vnd wahr machet. Doch ſoll ihm hierauff zu gelegener Zeit mit Gottlicher Hülffe woll begegnet werden.

R. mußte über des Helvicus Erklärung, in Gießen den Methodum in Druck ausgehen laſſen und noch dazu ein heftiges Scriptum gegen ihn zu veröffentlichen, um ſo entrüſteter ſein, als derſelbe bei ſeinem Abſchiede von Augsburgmit freundſchafft vnd gutem Willen zu ſcheiden erklärt hatte, und der Didaktiker ſich ſchließlich noch ſo nachgiebig gezeigt hatte, daß er die von den Collaboranten für ihn und ſeine Lehrart abgefaßten Arbeiten denſelben zurückerſtattete.

In Ulm, wohin er ſich zunächſt begeben hatte, hatte Helvicus einen Schwager, den Superintendenten Dieterich. Mit dieſem zog er während ſeines dortigen Aufenthaltes(der aber nicht über den Juni 1615

hinaus ſich ausdehnte) über R. her, erklärte denſelben für einen Schwärmer und Zänker und empfahl die Didaktik als ſein eigenes Werk, erbot ſich auch zu Proben im Lateiniſchen, Griechiſchen und Hebräiſchen. Aber es wollte ihm, wie Vernat an R. ſchreibt, Niemand glauben*). R. hoffte ſich vor dem Landgrafen Ludwig mit Helvicus auseinanderſetzen**). Der Aufenthalt in Augsburg aber war ihm verleidet, zumal da die Zahl ſeiner Collaboranten ſehr zuſammengeſchmolzen war, und er ſah ſich daher nach einem anderen Orte um, wo zer mit mehr Glück eine amtliche Unterſtützung ſeiner Lehrart finden könnte. Im Juli, ſpäteſtens, im Anfange Auguſt 1615, kehrte er Augsburg den Rücken.

Zur Beurtheilung von R.s Thätigkeit in Augsburg muß man ſich vor Allem an die Erwar⸗ tungen erinnern, die von den Augsburger Deputierten in ihm zu Frankfurt geweckt worden waren. Er durfte nach den ſchriftlichen und mündlichen Darſtellungen der dortigen Verhältniſſe mit Beſtimmtheit darauf rechnen, daß die Behörden in Augsburg ihn officiell unterſtützen würden. Wie ſah er ſich getäuſcht! Wenn er trotzdem

ſo viele begriffen, daß ſie das Werk ohne ihn praestiren köndten.(Grawerus Aufzeichnung vom 23. Auguſt 1615 im Wei⸗ marer Archiv). 3

*) Vernat hatte ſich, als ihm die Verſöhnung nicht gelingen wollte, mit Erfolg perſönlich für den guten Ruf des R. in Ulm bemüht. 1 1

**-) Die Schilderung der weiteren Ratichianiſchen Thätigkeit des Helvicus bis zu ſeinem 1617 erfolgten frühzeitigen Tode bleibt dem Abſchnitte über die Nachfolger des R. in Deutſchland vorbehalten. Soviel ſei aber ſchon hier bemerkt, daß die rückſichtsloſe Ausbeute, welche derſelbe mit den Ratichiſchen Ideen trieb, ſeinen Charakter nicht ſehr achtungswerth er⸗ ſcheinen läßt..