Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
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bei der Herzogin viel galt, früher längere Zeit Lehrer geweſen war und ein consilium de aperiendo ludo literario verfaßt hatte*), und Johannes Maior, Superintendent und Profeſſor der Theologie. Von dieſen war der erſte mit Ratichius am Weimarer Hofe zuſammengetroffen und hatte über den Werth der neuen Lehrart, wenigſtens für den Sprachunterricht, die beſte Meinung gewonnen. Es war ihm nach ſeiner Rückkehr nach Jena nicht ſchwer geworden, für dieſe Meinung auch die beiden genannten Theologen zu werben**). So war der Ausfall des Gutachtens, welches die Herzogin am 23. Januar 1613 von den drei Männern forderte, und welches dieſe unter dem 6. Februar abgaben, ſo günſtig wie möglich***). Zwar verlangten dieſe in demſelben, daß die neue Methodeintra limites linguarum gleichſam vmbeirkelt bleibe, aber ſie erkannten den Zweck derſelben als aufGöttliche Ehre und Lehre gerichtet an und empfahlen dieſelbe als für Kinder und Erwachſene gleicher Weiſebequem, richtig vnd leicht dringend zur Einführung, ſobald ein mit etlichen Knaben anzuſtellender Verſuch ſich bewährt haben und die geeigneten Lehrer in die Methode eingeführt ſein würden. Zu dieſem Zwecke rathen ſie, baldigſt eine deutſche und eine lateiniſche Grammatik nach der neuen Lehrart verfaſſen und in Jena drucken zu laſſen, auch in den Vorreden zu denſelben eine ausführliche Beſchreibung der Lehrart zu veröffentlichen. Endlich lehnen ſie die Beihülfe von Juden bei der hebräiſchen Sprache zurück.

Dieſem Gutachten gegenüber blieben die heftigen Anfeindungen, mit welchen der Hofprediger Lang über Ratichius herfiel und ſelbſt von der Kanzel herab die Herzogin umzuſtimmen ſuchte, wirkungslos. Dorothea Maria und Anna Sophia wurden vielmehr in ihrem Eifer für die Sache theils durch ihre eigenen Fortſchritte in ihren Sprachſtudien unter des Didaktikers Unterweiſung, theils durch die von Tag zu Tag unter den Profeſſoren in Jena wachſende Zahl von Anhängern der neuen Lehrart(der Philoſoph Zach. Brendelius sen., der Mathematiker Mich. Wolfius u. a.), theils durch günſtige Gutachten, welche auch aus anderen Orten von berühmten Theologen(wie Joh. Gerhard in Coburg, Hoë von Hoenegg in Dresden, Conr. Martini in Helmſtädt u. a.) einliefen, endlich durch die warme Fürſprache des fürſtlichen Hofmeiſters Friedr. von Kospott immer mehr beſtärkt. Auch der Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm, der ſich damals(13. Februar) in Erfurt aufhielt und am 9. Februar von Ratichius beſucht wurde, bewahrte ihm ſeinen Räthen Secretarius und Geh. R. N. Göckler und D. Joh. Eben) zum Trotze ſein Intereſſe, verhehlte aber auch nicht den Wunſch, daß ſich Ratichius intra terminos conſtringiren laſſen wolle und wünſchte, den Widerſpruch mancher Gelehrten durch eine mündliche Conferenz derſelben zu beſeitigen. Auf ſeinen Rath, den er in den erſten Tagen des März perſönlich in Weimar wiederholte, veranſtaltete dann auch die Herzogin für die Mitte des Monats März 1613 eine Zuſammenkunft der drei Jenenſer Profeſſoren Gualtherus, Brendelius und Wolfius mit anderen Gelehrten, namentlich den Neuburgern in Erfurt. Landgraf Ludwig von Heſſen, welcher ſich um die Zeit ebenfalls in Erfurt befand, ließ ſich durch den Pfalzgrafen beſtimmen, ſeine Gießener Profeſſoren Mentzerus und Helvicus ebendahin zu entbieten. Leider kamen dieſelben zu ſpät, um den Profeſſor Gualtherus in der Vertheidigung eines neuen Jenenſer Gutachtens vom 11. März) gegen die der Sache wenig geneigten

*) S. Brief an Kospott d. d. 23. December 1612.

**) Er legte denſelben das Frankfurter Memorial und eine von Ratichius geſchriebene Darſtellung der neuen Lehrart vor, wahrſcheinlich den ſpäterhin(1615) gegen Ratichius Willen in Halle veröffentlichen Bericht(Desiderata Methodus nova etc.)

***) Die Herzogin hatte neun beſondere Punkte bezeichnet, über welche ſich die Profeſſoren äußeren ſollten.

) Die Bedenken derſelben zerſtreute eine Beſprechung mit Kospott, Dr. Braun und Gualtherus.

†r†) Dieſes zweite Gutachten hebt die Mängel der bisherigen Methoden hervor und weiſt folgende große Vortheile der neuen nach: 1) durch Vereinfachung der Lectionen wird die Jugend erleichtert; 2) die Verminderung der Unterrichtsſtunden erhält die Schüler friſch; 3) die Mannigfaltigkeit der Lehrbücher wird beſeitigt; 4)ein jegliches(in Künſten und Sprachen) wird distincte, suo loco et ordine vndt successive proponiret, auch werden die Knaben nicht mit vielen vndt vnnöthigen dictatis beſchwert; 5) diecontinua et creberrima repetitio unius eiusdemque läßt auch nicht ſo gar ſtattliche ingenia