Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
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und dem jugendlichen Präceptor gegenüber erbitterte dieſe beiden Männer auf das Aeußerſte und trug ihm des erſteren unverſöhnliche Feindſchaft für immer ein*).

Die beiden Fürſtlichen Schweſtern ſelbſt, Dorothea Maria und Anna Sophia, ließen ſich durch das unbedachtſame und ſchroffe Auftreten des Mannes nicht abſchrecken, nahmen vielmehr ſelbſt in den nächſten Tagen ſchon Unterricht bei demſelben in der lateiniſchen und bald auch in der hebräiſchen Sprache; ihrem Beiſpiele folgten bald Prinzeſſin Juliana zu Reuß und der Hofmeiſter Friedrich von Kospott. Schon am 14. October 1612 konnte Ratichius ſeinen Frankfurter Freunden Briers und Bien von den erfreulichen Fortſchritten ſeiner Schülerinnen berichten.

Neben dieſen praktiſchen Verſuchen mit ſeiner Lehrart aber ließ Ratichius die Verfolgung des ihm vorſchwebenden großen Zieles, einer Reformation der geſammten Geiſtesbildung ſeiner Zeit, nicht aus den Augen und benutzte ſeinen Aufenthalt in Weimar, um die ihm dort zugänglichen literariſchen Hülfsmittel theils ſelber auszubeuten, theils durch Gelehrte der nahen Univerſität Jena in ſeinem Sinne verwerthen zu laſſen. Und zwar verfolgte er hier vor Allem die Vorbereitung für eineRichtigſtellung der deutſchen und der hebräiſchen Sprache. So wollte er den Druck einer revidierten hebräiſchen Bibel mit Luthers deutſcher Ueberſetzung veranſtalten und hoffte mit der Hülfe des Profeſſors Grawerus in Jena die ſämmtlichen Schriften Luthers in einer neuen correcten Ausgabe drucken zu laſſen**). Als er zur Hülfeleiſtung bei dieſen Arbeiten den Juden Seligmann nach Weimar kommen laſſen wollte, ſtieß er bei der Herzogin auf große Schwierigkeiten, da dieſelbe es unter allen Umſtänden für unzuläſſig hielt, die Hülfe eines Juden zur Auslegung der heiligen Schrift in Anſpruch zu nehmen***).

Ehe ſich jedoch die Herzogin Dorothea Maria, durch die von den übrigen Hofmeiſtern und Lehrern ihrer Söhne erhobenen Zweifel mißtrauiſch gemacht, tiefer auch in eine Beförderung der allgemeineren Pläne des Ratichius einlaſſen, ehe ſie ſelbſt die Unterweiſung ihrer Söhne dem Ratichius anvertrauen) wollte, holte ſie im November 1612 das Gutachten der beiden Gießener Profeſſoren Helvicus und Mentzerus ein, auf welche ſich Ratichius in Erinnerung ſeines mehrtägigen Verkehres mit denſelben in Gießen berufen hatte. Der Bericht der beiden Profeſſoren fiel günſtig aus, insbeſondere auch über Ratichius religiöſe Stellung; denn die Freundſchaft derſelben gegen den Didaktiker und deſſen Werk war nicht erkaltet; ja der dritte Gießener Freund, Jungius, hatte inzwiſchen ſeinen großen Eifer für letzteres durch das Anerbieten weiterer literariſcher Arbeiten (de Astronomia, in Orthographia et Etymologia germanica) zu erkennen gegeben.

Auch die Empfehlung durch die Gießener Proſeſſoren genügte der Herzogin nicht; ihr Verlangen, noch die Anſicht einiger Gelehrten der Univerſität Jena zuvor zu vernehmen, traf mit Ratichius Wünſchen ganz und gar überein; denn deſſen Auge war ſeit dem Anfange ſeiner Weimarer Verbindungen eigentlich nur auf dieſe Univerſität gerichtet, von deren Mitwirkung er ſich das beſte für ſein Vorhaben verſprach. Vor allen waren es folgende drei Profeſſoren, auf welche er hoffte: Balthaſar Gualtherus(Walther), Profeſſor des Griechiſchen und Hebräiſchen, Alhert Grawerus, der als Profeſſor der Theologie und als geiſtlicher Rathgeber

*)Wahr, daß er durch dieſe vnbeſcheidene antwortt vnd vnförmliches Vorbringen, alſobalden bey den Praeceptoribus vnmuth erwecket, auch der HofPrediger, ſo von ihm anfenglich vbergangen, zu mehrem mißtrauen vnd abgewogenheitt verurſachet worden. Cöthener Inquiſitional⸗Articul 11.

**½) Für die lateiniſchen Briefe Luthers gewann er in Weimar einen tüchtigen deutſchen Ueberſetzer in M. Zolner.

***) Daß es nicht gelang, Seligmann nach Weimar zu ziehen, war übrigens auch inſofern für Ratichius mißlich, als die Unterſtützung des Pfalzgrafen durch Schwierigkeiten, welche der Kaufmann Boedecker in Frankfurt der ihm von dem Pfalzgrafen aufgetragenen Auszahlung derſelben entgegenſtellte, und durch den drohenden Abfall des Pfalzgrafen von der lutheriſchen Kirche (ſchon Anfangs December 1612 ſprach man mit aller Beſtimmtheit von ſeiner Verlobung mit einer baieriſchen Prinzeſſin) ihrem Ende entgegen zu gehen ſchien.

) Dazu bedurfte es ſogar der Genehmigung des Kurfürſten von Sachſen als Vormund.

Doded.