8. 3. Ratichius zum erſten Male in Weimar(Ende September 1612 bis Mitte Mai 1613).
Die Nachricht von dem Tode ſeines Freundes traf Ratichius in Weimar.
Die mündlichen und ſchriftlichen Empfehlungen des Lippius hatten die Herzogin Wittwe Dorothea Maria zu Sachſen⸗Weimar*) und deren Schweſter Anna Sophia dergeſtalt für des Ratichius Beſtrebungen eingenommen, daß nur die Rückſicht, Ratichius habe beim Pfalzgrafen eine feſte Stellung und bindende Verpflichtungen übernommen, die beiden Fürſtinnen abhielt, ſchon im Laufe des Sommers 1612 mit Ratichius in Beziehungen zu treten. Als nun die erſtere erfahren hatte, daß Ratichius frei ſei, und die auch noch von ihrem Sohne Johann Ernst dem Jüngeren, Anfangs September 1612 bei Lippius und Helvicus eingezogenen Erkundigungen namentlich auch über des Ratichius religiöſe Stellung günſtig ausfielen**), wurde der Didaktiker noch im September nach Weimar berufen, um„ſeines newerfundenen Methodi ein Excer- citium bey Hoff, mit einem oder mehr auß den Brüdern des Herzogs anzuſtellen“.
Am 28. September begab ſich Ratichius in der Begleitung ſeiner Freunde Briers und Bien, die zur Leipziger Meſſe fuhren, auf die Reiſe nach Weimar.— 1
Seine nächſte Aufgabe war alſo doch eine praktiſche Probe von ſeiner Didaktik zu geben. Dieſer Probe unterzog ſich aber Ratichius keineswegs, um durch dieſelbe eine ſofortige Einführung ſeiner Lehrart in den Schulen des Landes zu erreichen, ſondern nur um die thätige Unterſtützung des Weimariſchen Hofes und durch denſelben diejenige der Gelehrten in Jena für ſein geſammtes Werk zu gewinnen.
Am Tage nach ſeiner Ankunft in Weimar veranſtaltete die Herzogin eine Zuſammenkunft des Hofmeiſters Friedr. von Kospott, des Hofpredigers Abr. Lang und des Präceptors M. Barthol. Winter, vor welchen Ratichius im Beiſein der Herzogin und ihrer Schweſter, ſowie der fürſtlichen Söhne zuerſt Luthers Rede an die Deutſchen von Aufrichtung guter Schulen und dann ſein eigenes Frankfurter Memorial vorlas und hieran eine Beurtheilung der bis dahin auch in der Unterweiſung der Weimariſchen Prinzen befolgten Methode anknüpfte. Dieſe Beurtheilung begann er mit der runden Erklärung, daß nach ſeiner Anſicht die praeceptores bisher„an dieſer Institution das Brod nicht verdient“ hätten, ſtellte darauf mit der jungen Herrſchaft eine Prüfung an und ſchloß dieſe mit der wiederholten Erklärung,„die Institution wäre eine rechte carnificina geweſen, und wären die praeceptores nicht werth, daß ſie das Brott freßen ſolten“. Dieſes rückſichtsloſe Verdammungsurtheil, verbunden mit des Didaktikers hochfahrendem Auftreten dem anweſenden Hofprediger
*) Dorothea Maria, durch vortreffliche Eigenſchaften des Geiſtes und Gemüthes eine der ausgezeichnetſten Fürſtinnen ihrer Zeit, war die Tochter des Fürſten Joachim Ernst von Anhalt und Pleonorens, einer geborenen Prinzeſſin von Würtemberg⸗Teck. Geboren den 2. Juli 1574, hatte ſie eine ſorgfältige und vielſeitige, in religiöſer Hinſicht ſtreng lutheriſche Erziehung genoſſen, lebte nach der zweiten Vermählung ihrer Mutter(1589 mit Landgraf Georg von Heſſen) in Darmſtadt und vermählte ſich am 7. Januar 1593 mit Herzog Johann III. von Sachſen⸗Weimar. Nach deſſen frühzeitigem Tode(31. Oct. 1605) hatte ſie wegen der Vormundſchaft über ihre acht Söhne verdrießliche Streitigkeiten mit Kurſachſen. Als Regentin ſorgte ſie mit männlichem Sinne und mütterlicher Sorgfalt für eine einfache aber gründliche Erziehung ihrer Söhne und war mit großem Eifer auf eine Verbeſſerung des ſehr vernachläſſigten Schul⸗ und Unterrichtsweſens im Herzogthume Weimar bedacht. Sie ſtarb am 18. Juli 1617 in Folge eines Sturzes in die Ilm. Vgl. Röſe in Erſch und Grubers Allg. Encykl. XXVII. Leipzig 1836. S. 170— 173.
**) Lippius hatte nach Weimar auch an Anna Sophia geſchrieben,„dieweil Ehr wegen ſeines aufgethragenen hohen Ampts zu Straßburg nicht würde wiederumb dieſer Ortter(Jena und Weimar) gelangen können, ſo möchte ehr nichtz liebers wünſchen, Als daß Wolfgang Ratichius An ſeine Statt ſich möchte anhero begeben“; denſelben könne er vorzugsweiſe als Lehrer des Lateiniſchen für die Sächſiſchen Prinzen, auch für Anna Sophia empfehlen.(Schreiben der Anna Sophia vom 8, Februar 1613.) 1
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