Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
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gelehrte Leute Meiner religion vnd der Deutſchen Sprach mechtig, In eil bey mir haben ſolle, offt angedeute Puncten vileicht mit bequemeren vnd klarern Worten wehren geſetzet werden. Bin Aber wie zuuor Alzeit, Alſo Auch noch der Zuverſicht, es werden Chriſtliche Auffrichtige hertzen mehr zum beſten, Alß zum ergſten genieget ſein vnd gedencken, das wie man geſaget, ein Jeder der beſte Außleger eigner Worte ſey, Auch von denſelbigen Auß frembder Deutung vnd Verſtand nicht vrtheilen, Obſchon bey dieſer Verkehrten böſen Welt es leider dahin kommen, das nichts ſo wol geredet oder geſchrieben werden kan, das von Gottloſen Leuten Auß vermeinter ſpitzfündigkeit, vnd Alzu vnzeitigen Vberwitz, nicht verdreet vnd verkehret wird. Solte Aber im fall cinem vnd dem Andern etwas vngereumbt vorkommen, erbiete Ich mich nochmals, ferner mündlicher Bericht zu thuen, auch ſo Ich eines beßern erinnert, bereitwillig vnd danckbarlich zu folgen, Sinthmal Auch Ich vnder dehnen, die da irren mügen, Anietzo Aber Anders, Alß beygeſetzet, habe Ich mir einig vnd Allein vorgenommen, die Arth vnd weiſe, die ſprachen bequemer vnd füglicher zu lehren, eigentlich zu ziegen, vnd die Grammatica, neben dazu gehörigen Büchern erſtlich Ans licht zu geben, vnd nach Volführung dieſes auch von den vbrigen wichtigen Puncten, mit hochgelerten vnd der ſachen erfahrnen Leuten, ferner red vnd rath zu pflegen. Gott der Almechtige beſtettige das Wol Angefangene gute Werck zu ſeines Nahmens lob, ehr vnd Preiß, der gantzen Chriſtenheit zum beſten, vnd ſonderlich zu Auffnahme vnſers lieben Vatterlandes Deutſcher Nation, vmb ſeines lieben Sohns Jehſu Chriſti Willen. Amen. Wolfg. Ratichius.

Gleich nach dem Frankfurter Wahltage reiſte Lippius mit Ratichius auf beſondere Einladung des Pfalzgrafen nach düſſeldorf. Wie lange Ratichius dort geblieben iſt, iſt unbekannt; doch iſt es wahrſcheinlich, daß er ſeinen Freund Lippius auf deſſen Rückreiſe von Düſſeldorf im Auguſt 1612 nach Gießen begleitet hat. Hier lernte er die Profeſſoren Mentzerus*), Helvicus**) und Jungius***) kennen, erläuterte denſelben die allgemeinen Grundſätze ſeines Vorhabens, zeigte ihnen etliche ſeiner Compendien zu ſeiner neuen Lehrart ſowie eine von ihm ausgearbeitete delineatio grammaticae latinae und gewann aller drei Gelehrten vollſte Zuſtimmung und der beiden zuletzt genannten Bereitwilligkeit zu thätiger Mitarbeit. Helvicus verſprach ſich mit Mentzerus viel von der beabſichtigten Reviſion der Lutherſchen Bibelüberſetzung und war entzückt von dem Gedanken, daß es durch die neue Lehrkunſt einem jeden Chriſten leicht gemacht werde, die Bibel in der Urſprache zu leſen und zu verſtehen, und übernahm ſofort dreierlei Arbeiten über die hebräiſche und chaldäiſche 3 Sprache für das neue Werk; Jungius verſprach dieVollkomme Teutſche Mathematik oder MeßKunſt, mit deren Bearbeitung er gerade beſchäftigt war, dem Werke des Didaktikers anzupaſſen, und Mentzerus bewog den Dr. Lippius, gleich von Gießen aus eine dringende Empfehlung des Ratichiſchen Vorhabens an den Weimariſchen Hof zu ſchreiben, damit daſſelbe nicht beim Reiche, ſondern in Weimar die verdiente Förderung finde und ſodeſto beſſer bey den Lutheriſchen könte bleiben vnd erhalten werden.

Von dieſen, wie ſie ſelber hofften, nunmehr zur kräftigen Fortführung des Ratichiſchen Werkes dauernd verbundenen Gelehrten wurde derjenige, welcher der eifrigſte und durch ſeine Verbindung mit dem Weima⸗ riſchen Hofe wirkſamſte Mitarbeiter zu werden verſprach, Joh. Lippius, kurz nachher auf ſeiner Reiſe nach Straßburg, wohin er ſich von Gießen aus zum Antritte der ihm übertragenen Profeſſur begeben wollte, durch einen plötzlichen Tod abgeriſſen(er ſtarb am 24. September 1612 zu Speier).

*) Vgl. über ihn Strieders Heſſ. Gel. Geſch. Bd. VIII. S. 418 442. **) Vgl. über ihn Strieder I. l. Bd. V. S. 420- 430. VI. S. 395 405. ***) Joach. Jungius. Scripsit G. E. Guhrauer. Vratisl. 1846. Guhrauer, Joach. Jungius und ſein Zeitalter. Stuttgart und Tübingen 1850.