Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

offenkundig im Argen liegenden Schulunterrichtes ſein ſollte ²). Immerhin hatte Ratichius die ſeinem Memo⸗ riale geſchenkte Beachtung zunächſt den perſönlichen Verwendungen ſeines Freundes Lippius zu verdanken, deſſen eifrige Fürſprache ihm beſonders bei dem Herzoge Ernst dem Jüngeren von Sachſen⸗Weimar und bei dem Landgrafen Ludwig dem Getreuen von Heſſen⸗Darmſtadt ein offenes Ohr verſchaffte**). Auf des Lippius Rath ließ Ratichius ſchon nach acht Tagen dem obigen Memoriale zur Erläuterung deſſelben einen Grundlichen vnd beſtendigen Bericht Meines zu Franckfurth den 17.***) Mai 1612 vbergebenen Memorials, vff begehren hoher vnd Fürſtlich Perſonen, zu Verhüttung Aller Widerwertigen Mißdeutungen geſtellet vnd vbergeben folgen. Derſelbe lautete alſo:

Anfangs wirt gemeldet, das Ich Anleitung geben wolle, Auff wasmaßen Jeder ſtück oder Puncten des gantzen Vorhabens zu Werck gerichtet werden möge, Nicht das Ich ſolchs Allein mechtig, oder deßen vol⸗ ſtendiger Außführung Allein mich vnterfange, wie dan zu mehrer erklerung meiner meinung Ich zu ende meines vbergebnen Memorials, Außtrucklich ſetze: In deme IchBücher vnd Leute vom Reich zu Hulffe thue erlangen.

1) Das die Angedeutete ſprachen in gahr kürtzer zeit leichtlich zu lehren vnd fortzupflantzen ſein, Iſt nicht bloß, ſondern Vergleichungs Weiſe zuuerſtehen, ſo man nemblich die vielfeltigen Beſchwerungen vnd lang⸗ wirige Zeit der gewohnlichen Arth vnd Weiſe, nebens dieſer newen, erweget vnd betrachtet, wie dan gleichsfals In Acht zu nehmen die zwey vnderſcheidliche wort lehren vnd fortpflantzen, Alß das zwar meine Vnderweiſung ein ſolcher Vnterricht vnd Anleitung zu Jeder ſprache ſey,(Wie dan Auch durch breuchliche Vbung In der Schulen, Itziger Zeit es nicht weiter gebracht wirt), Das nachmahls Dieſelbe vff beſchehene fernere Anleitung von dem Discipul ſelbeſt, ſo viel müglich, Außgeübet werden könne, Ob wol zu gantzer Volkommenheit, wie Auch In Anderen ſtucken, Alß Auch dieſem zu gelangen, die gantze Zeit Menſchlichs lebens faſt zu kurtz ſein will.

2) Den Andern Punct betreffende, wie In Allen ſprachen Die Künſte vnd Faculteten Außführlich können gelehret vnd fortgebracht werden, Iſt zwar An deme, das freye Künſte In einer oder anderen ſprache nach ihrer Arth vnd eigenſchafft klärer, verſtendlicher vnd Anmütiger vorzutragen(Darumb Auch, obſchon In hochdeutzſcher ſprach Dieſelben gefaßet, Dennoch zu wahrer Verſtentnuß vnd gewißheit Auß der ſprache, darinnen ſie Anfangs beſchrieben, Auch billich ſollen vnterſucht vnd geforſchet werden), Jedoch weil die freie Künſte An gewiße ſprachen weſentlich nicht verbunden, Iſt ſolcher Vorſchlagk an ihm ſelbſt nicht vnmüglich zu achten, Von weme Aber ſolches wichtiges vnd hohes werck bey ſo mannigfeltigen beſchwerlichen Hindernißen Anzu⸗ ſtifften oder fortzuſetzen, kan von dem Ziel beſchehener Vberreichung vernünfftigk ermeßen werden.

3) Der dritte Punct beruhet In dreien ſtücken: Erſtlich Wie ein eintrechtige ſprache Im Reich be⸗ quemlich einzuführen, das iſt, wie Sachſen, Francken, Schwaben, Düringer ꝛc. der Hochdeutſchen Sprachen gewehnen, vnd nachmahls derſelben ſich einmütigk gebrauchen mügen. Dieſes vermeine ich durch die Deutſchen

Schulen zu erlangen, Aldieweil auch ſonſten zu erhalten Der Majeſtät vnd Wolſtand des Reichs, vnd deutſches Landes In hochdeutſcher ſprach, ſowol An Kayſerl. Camergericht, Alß Andern gerichtsſtellen, rechtlich zu uer⸗ fahren, bedachtſamb geordnet, Auch ſonſten die Meißniſch Art zu reden, Wie Auß vielen Vmbſtenden zu er⸗ fahren, Allen Deutſchen ſonderlich beliebet, Darzu dan die Deutſche Bibel D. Luthers, Auch Andere Bücher In freyen Künſten hochdeutſch vberſetzet, nicht das weinigſte thun können, Anjetzo zu geſchweigen, das Alle

*) G. E. Guhrauer, Joach. Jungius und ſein Zeitalter. Stuttgart und Tübingen 1850. 8. S. 25.

**) Lippius verſicherte denſelben noch in einem Schreiben vom 16. Auguſt 1612 an Herzog Ernst, daß der ihm eng befreundete Ratichius in theologia sincera durchaus mit ihm übereinſtimme und empfahl das Werk deſſelben wiederholt als Einen vber die Maß behaglich zutraglichen Wegk, frembde Sprachen zu lehrnen.

***) neuen Stils. 2*